Kinokritik : Bei aller Liebe: Goethe!

Philipp Stölzls Film "Goethe!" macht den Klassiker zum Popstar. Da hat jemand den Goethe’schen Begriff von "Dichtung und Wahrheit" offenbar gründlich missverstanden.

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Johann im Glück. Alexander Fehling spielt den „Werther“-Dichter. „Goethe!“ kommt am Donnerstag ins Kino. Foto: Warner
Johann im Glück. Alexander Fehling spielt den „Werther“-Dichter. „Goethe!“ kommt am Donnerstag ins Kino. Foto: Warner

Als Johann Wolfgang Goethe Anfang 1774 in vier Wochen „Die Leiden des jungen Werthers“ herunterschreibt, „ohne daß ein Schema des Ganzen oder die Behandlung eines Teils irgend vorher wäre zu Papier gebracht worden“, ist er ein einsamer junger Mann. Der Briefroman des knapp 25-Jährigen erzählt von den Turbulenzen einer anderthalb Jahre zurückliegenden Liebe, der sich der Autor durch Flucht entzogen hatte. Nur im plakativen Finale bedient er sich beim Drama eines Freundes, der aus unerfüllbarer Liebe zu einer verheirateten Frau Selbstmord beging – sonst schöpft er aus der Erinnerung an die Leidenschaft für eine anderweitig fest versprochene 19-Jährige, gipfelnd in einem spät abgepressten Kuss. Vor allem aber erzählt Goethe eine Dreiecksgeschichte, wie sie in ihrer emotionalen Ernsthaftigkeit durchaus modern erscheint.

Lotte, Albert, Werther: Das sind Charlotte Buff, Johann Christian Kestner, Goethe. Im Sommer 1772 lernt Goethe in Wetzlar als verkrachter Jurastudent und Praktikant am Reichskammergericht Charlotte kennen, die zweitälteste Tochter eines frisch verwitweten Amtmanns, der zwölf Kinder zu versorgen hat. Vier Jahre jünger als Goethe, ist sie bereits seit vier Jahren mit dem inzwischen 31-jährigen Legationssekretär Kestner verlobt. Goethe also drängt mitten in eine Art feste Beziehung hinein. Kestner, mit dem er sich schnell befreundet, duldet die Schwärmerei des acht Jahre jüngeren Konkurrenten, der sich als so dramatisch wie lyrisch veranlagter Hausfreund empfiehlt, und setzt dem feuerköpfigen Galan seiner Verlobten nur behutsam Grenzen. Auch nach Goethes überstürztem Aufbruch und sogar nach Charlottes und Kestners Hochzeit bald darauf bleibt das Dreiecksverhältnis auf seine Weise bestehen: Der Jungdichter besucht das Paar, schreibt beiden Briefe – und Kestner berichtet er, ganz ungeniert, auch immer wieder über seine Träume von Lotte.

Ungestümes Verhalten, Naivität, Egozentrik auf der einen Seite, Umsicht und Nachsicht auf der anderen, zu der auch Charlotte sich entschieden bekannte – das ist die ganze, so anrührende wie sonderbare Geschichte. Aber wäre solch gemeinschaftlicher Entschärfungsversuch einer Passion, solch herzensgastfreundschaftlicher Umgang mit einem Genie ein Filmstoff? Vielleicht, sofern man sich ernsthaft für die gewittrige Jugend dieses Dichters interessiert, für seine Übersprungshandlungen und Grenzverletzungen, für seine stürmisch angezettelten und panisch liegen gelassenen Liebeshändel. Wenn man der sozialen Dysfunktionalität dieses Charakters nachspürt, seinen emotionalen Defiziten und Defekten im anderweitigen Aufstieg. Und seiner Einsamkeit.

Von jeher aber scheuen die Filmleute dieses genius biopic – genauso eindeutig, wie sie sich immer wieder auf den „Werther“-Stoff werfen. Max Ophüls und Egon Günther (mit Katharina Thalbach als Lotte) hatten ihren Werther im Programm, Jacques Doillon und Uwe Janson (mit Hannah Herzsprung) machten ihre Aktualisierungs- und Verfremdungsexperimente, nicht zu vergessen die „Neuen Leiden des jungen W.“, nach dem wilden Plenzdorf’schen DDR-Roman. Große Liebe, früher Tod, das war die Zauberformel. Das bloße Psychogramm eines zwar schillernden, aber sich letztlich bloß entwindenden Unsympathen dagegen: womöglich Kassengift.

Beherzt reitet nun Philipp Stölzl, der von Opern bis zu Musikvideos und Spielfilmen („Nordwand“) allerhand inszeniert hat, in das in Sachen Werther weithin ausgemessene Gelände des frühen Goethe ein. Und das mit Aplomb und Ausrufezeichen. „Goethe!“ dröhnt der Titel, offenbar Restprodukt der Euphorie des Partners ProSieben, der sich von der Titelidee „Goethe rockt!“ noch bessere Quoten erhoffte. Tatsächlich sind nahezu alle Fördergremien in die Finanzierung des knapp sieben Millionen Euro teuren Nationaldichterfilms eingestiegen. Werther und der Liebestod mögen diesmal fehlen, aber Goethes ewig sensationeller literarischer Durchbruch mit der Lotte-Romanze macht sich vielleicht umso besser. Zauberformel: große Liebe, Top-Erfolg.

So viel Liebe Stölzl mit seinen Ausstattern aber auf die – auch digitale – Auspinselung des 18. Jahrhunderts mit Kammergerichtswetzlar, Lottes Wahlheim und Goethes Frankfurt verwendet, so burschikos springt er mit der Geschichte selber um. Knackig „Barock-Sponti“ nennt er seinen Helden, wobei der Hinweis erlaubt sein mag, dass der Barock damals seine beste Zeit längst hinter sich hatte. Tatsächlich will Stölzl, und hier setzt er gerne einen Tusch für seinen „HippieDeutschlehrer“, der ihn zum „GoetheFan“ gemacht habe, mit aller Macht den Reißer für das klassikferne jugendliche Publikum. Nichts Geringeres als „Becoming Goethe“ peilt Stölzl an – nur wozu dann im gleichen Atemzug einen leicht müffelnde Bildungsauftrag verkünden, wozu der „relevante Kinofilm voller Tatsachen und Wahrheiten“?

„Goethe!“ ist Goethe – the movie. Eine hübsche Hülle nur für das unbedingt sympathische, also kantenlose Klischee vom Stürmer und Dränger in Liebesangelegenheiten, und Alexander Fehling spielt diesen Johann folglich allerliebst. Lotte allerdings, von der kinounerfahrenen Miriam Stein in aller Frische verkörpert, darf zwecks sportlicher Ausgestaltung des Rivalitätsmotivs noch keineswegs fest mit Kestner liiert sein, als Goethe sie kennenlernt. Kestner wiederum, Johanns Chef am Gericht, muss zunächst den techtelmechtelverhindernden Bösewicht geben. Moritz Bleibtreu, dem der Roehler’sche „Jud Süß“-Goebbels noch fühlbar in den Knochen steckt, mimt ihn erst als schnarrenden Schinder, gibt ihm aber bald eine Prise Leutseligkeit bei.

Damit ist der Rahmen gesteckt, den die Vaterfiguren auf ihre Weise arrondieren: Henry Hübchen als Paragrafenreiter und Goethe senior, Burghart Klaußner als Witwer Buff, der seine Tochter schon aus finanzieller Not ordentlich verheiraten muss. Alsbald erklimmt die Handlung nach dem Arrangement einiger hübscher Tableaus – die Brotbackszene! Kanzleigetümmel! – die lichten Höhen freien Fabulierens. Sex im Regen unter romantischer Ruine, Rivalen im Duell, Johann im Knast, der komplette „Werther“-Wurf des Nachts in der Einzelzelle, und schließlich trägt ausgerechnet Lotte das Manuskript höchstselbst zum Verleger.

Da hat jemand den Goethe’schen Begriff von „Dichtung und Wahrheit“, den er zum Ende hin aufdringlich im Munde führt, offenbar gründlich missverstanden. Stölzl ist es nicht um die zwangsläufig subjektive Farbe zu tun, die sich auch bei skrupulösestem Umgang mit dem Überlieferten einstellt, sondern um die Lust auf den groben Keil und das KinoKlischee. Was bei derartiger Fixierung aufs Plakative herauskommt, ist letztlich nicht Dichtung und Wahrheit, sondern Fälschung, und das im Gewande eines ausdrücklich detailhuberischen Geschichtsgemäldes. Schon früh zeigen sich entsprechende Symptome im uneleganten Wechsel zwischen antikisierenden und rotzforsch heutigen Sprachebenen sowie einer zwischen frühreifem Biedermeier und Post-Pop schwankenden Haltung zur Story selbst. Womit „Goethe!“ vollends im Beliebigen angekommen wäre und genauso gut „Being John Gothovich“, „Emilio Galotto“ oder auch „Bon Jovianni“ heißen könnte.

Aber egal. Wenn demnächst deutsche Schulklassen in Massen die Kinos stürmen, um mal eben den wahren, flotten, schönen Goethe abzugreifen, werden zumindest die Kinobesitzer strahlen. Und der Regisseur mag sich an Goethes Erinnerung an den „Werther“ halten: „Von Rezensionen nahm ich wenig Notiz. Die Sache war für mich völlig abgetan, jene guten Leute mochten nun auch sehen, wie sie damit fertig wurden.“

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