Kleingarten in der Kurve : Denken oder Prügeln? Deutsche Ultraszene am Scheideweg

Durch die Fankrawalle der letzten Zeit sind die Ultras in Verruf gekommen. Nun beschäftigt sich das Buch "Ultras im Abseits?" mit einer umstrittenen Fanszene und ihrer Zukunft. Ein Auszug aus einem Essay.

Christoph Ruf
Ein Bild der Vergangenheit? Die Ultra-Bewegung steht am Scheideweg.
Ein Bild der Vergangenheit? Die Ultra-Bewegung steht am Scheideweg.Foto: picture alliance / Digitalfoto M

Es wird derzeit viel gemauschelt, getuschelt und geraunt in der deutschen Ultraszene. Die Blicke im Block sind misstrauischer geworden, die Abgrenzungsrituale ausgeklügelter, die Codes geheimnisvoller, die Jünger jünger. Noch vor nicht allzu langer Zeit brachte die Szene frischen Wind in die Kurven. Sollte es doch noch einmal so etwas geben wie eine Renaissance der kritischen Fanszene aus den 1990ern?

Es gibt Themen, in denen die Szene langen Atem bewiesen hat. „Pro 15:30“ (heute „Pro Fans“) hat mit seinem damaligen Kernanliegen nachhaltig das Bewusstsein der Fußballfreunde geprägt. Auch „Pyrotechnik legalisieren“ hat höchst professionell gearbeitet. Beides sind hervorragende Beispiele dafür, mit welcher Stringenz die heutige Fangeneration ihre Anliegen nach vorne bringen kann; die heute 40- bis 50-Jährigen haben damals noch oft aus Spaß an der Freude diskutiert. Und irgendwann konstatiert, dass sie nichts erreicht haben.

Und dennoch: Es bleibt der Verdacht, dass die Ultra-Bewegung in vielerlei Hinsicht letztlich nur ein Kind ihrer Zeit ist, in der einige mit bewundernswerter Ernsthaftigkeit Fananliegen vertreten. Und die Masse die Szenespielchen spielt.

Die Formalia jedenfalls stimmen in der Ultra-Szene. Der Capo erfüllt satzungskonform seine Capo-Pflichten, der Szene-Neuling trägt die Bierflaschen fort, die die Altvorderen ausgetrunken haben. In Studentenverbindungen und bei den Gebirgsjägern gelten die gleichen Gesetze. Wer vier grüne Schals erbeutet hat, zählt bei den Gelben mehr als der, der es bei dreien belassen hat. Also wird fleißig gesammelt.

Man kann sich stundenlang über die Gepflogenheiten der Sesame-Streetgangs amüsieren. Es ändert nichts an dem beklagenswerten Umstand, dass Dinge, die ernst gemeint sind, irgendwann auch ernst werden. Nicht nur für den Normalo-Fan, der ein blaues Auge mehr und einen Schal weniger hat. Heute wirkt die Ultraszene mancherorten dogmatischer als der Vatikan. Was nichts anderes bedeutet, als dass ihr das gleiche Schicksal wie dem Heiligen Stuhl drohen könnte. Massiver Mitgliederschwund und die intellektuelle Vergreisung.

Die Alternativen liegen allerdings auf der Hand. Es kommt darauf an, ob sich die Sub-Szene als Teil der gesamten Fanstruktur der Kurve begreift. Gerne auch als radikalerer, unerbittlicherer Teil. Aber eben als Teil eines größeren Ganzen. Das wäre ihr zu wünschen.

Wahrscheinlicher scheint derzeit, dass sich die Szene weiter radikalisiert. Das wäre allein deshalb bedauerlich, weil Ultra dann tatsächlich so autistisch würde, wie seine Gegner es schon lange sehen.

Es wird spannend sein zu beobachten, in welche Richtung die Reise der Ultras geht. Klar ist nur eines: Die Fronten verlaufen zwischen denen, die für Nachdenklichkeit werben, und denen, die sich von den echten Hooligans nur noch in einem Punkt unterscheiden: Die Hools in den 1980ern und 1990ern haben sich geprügelt, wenn sie das wollten. Die heutigen „Hooltras“ scheinen jedoch in ihrem tiefsten Inneren heilfroh zu sein, dass so oft die Polizei zwischen den Fronten steht, wenn zwei verfeindete Ultragruppen sich wie eine Horde Pavianmännchen in Pose werfen.

Da klaut man lieber einem 12-Jährigen den Fanschal und demoliert einem braven Supermarktkassierer den Kleinwagen, weil der sich erdreistet, für einen anderen Verein zu sein.

Einzelfälle? Gewiss. Aber es sind Einzelfälle, die sich in den vergangenen Jahren so gehäuft haben, dass der Beobachter nicht mehr sicher sein kann, welcher der beiden Pole die Oberhand behalten wird. Der, der Rebellentum inhaltlich definiert. Oder der, der maximale mediale Aufregung für einen Beweis der eigenen Widerspenstigkeit hält.

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