Kolumne Berliner Fußball : Spandauer SV: Insolvenz im Schlaraffenland

Der frühere Zweitligist Spandauer SV war einst ein großer Name im Berliner Fußball, aber nun droht dem Traditionsverein das Aus. Dabei fehlt vergleichsweise wenig Geld.

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Der Spandauer SV steckt in Finanznöten.
Der Spandauer SV steckt in Finanznöten.Foto: Ian Stenhouse/No Dice Magazine

Ich war vorletzte Woche in Island. Es ist ein schönes Land und die Einwohner haben die bewundernswerte Fähigkeit, mit sehr schlechtem Wetter umzugehen, ohne mörderisch oder selbstmörderisch zu werden. In diesem Sinne sind sie so wie wir Iren. Island hatte auch eine schwere Finanzkrise zu bestehen – genauso wie Irland.

Die zwei Länder gingen allerdings sehr unterschiedliche Wege zur wirtschaftlichen Erholung. Im geographisch und politisch isolierten Island, das kein EU Mitglied ist, hatten die ausländischen Investoren einfach Pech gehabt. Ihr Geld war weg und nur das Geld der Einheimischen wurde von der isländischen Regierung gerettet. Klingt ein bisschen unfair, vor allem weil in Irland immer noch Sparprogramme laufen. Keiner findet das so richtig toll, aber wir hatten keine Wahl – Irland ist EU-Mitglied und hat deswegen Verantwortung. Die irische Wirtschaft erholt sich langsam und ich finde, dass die Finanzkrise für uns eigentlich keine schlechte Sache war. Es hat unser kollektiven Seele gut getan. Es wurde klar, dass andere Sachen viel wichtiger sind als Geld. Gemeinde, zum Beispiel. Freundschaft. Kollektives Mitwirken. 

Auch der Spandauer SV, ein einst großer Name im Berliner Fußball, der sogar mal in der Zweiten Bundesliga spielte, hat Verantwortlichkeiten. Oder konkreter: Finanzielle Verbindlichkeiten in drastischer Höhe. Seit Oktober läuft ein Insolvenzprozess, finanzielle Probleme hat der Klub aber schon länger. „Es war ein schleichender Prozess”, sagt Christian Gericke, Zweiter Vorsitzender und Jugendleiter des SSV. „Das läuft schon mindestens seit den 80er Jahren. Als wir in der Oberliga oder Regionalliga gespielt haben, wurden Autos für die Spieler gekauft, die dann oft den Verein verließen und nie abbezahlten”.

Der SSV schien, so wie Irland, jahrelang ein Schlaraffenland zu sein. Aber jetzt wird es ernst. Die Verbindlichkeiten liegen bei 159.000 Euro. „Die Insolvenzverwaltung hätte gerne eine Zahlung von 25% der Gesamtschulden – ungefähr 40.000 Euro”, erklärt Gericke. “10.000 Euro benötigen wir, um den Spielbetrieb für diese Saison zu gewährleisten”, sagt Benjamin Ahmad, Jugendtrainer und Fan des SSV seit Mitte der 80er Jahre. Wenn die 10.000 Euro nicht bis Ende April gesammelt werden können, wird der alte Traditionsverein – der im Oktober eigentlich sein 120-jähriges Bestehen feiern will – aufgelöst.

Gericke, Ahmad und andere SSV-Freiwillige kämpfen aber weiter. Gericke erzählt: „Seit Beginn des Verfahrens haben wir keinen Zugang mehr auf Gelder. Wir stehen unter Zwangsverwaltung und haben einen Kassenbestand von €300 für den gesamten Verein. Das ist natürlich überhaupt nicht tragbar, damit kann ich gerade mal die Schiedsrichter der I. und II. Herren bezahlen aber das war’s dann.” Für Ahmad hat aber eigentlich die Jugendabteilung Priorität. „Auf jeden Fall wäre das auch ein Verlust an Tradition, wenn der SSV verschwindet, aber es wäre hauptsächlich Schade für die Jugendabteilung, die wir über die letzten Jahre aufgebaut haben.“

Wie kann man als Siebtligist überhaupt so viel Geld so schnell finden? „Wir versuchen alles Mögliche, sagt Gericke. „Wir gehen Klinken putzen,  schreiben größere Firmen an und ehemalige SSV Spieler, die im Profifußball tätig sind oder waren – nicht um zu betteln, sondern um nach Hilfe zu Fragen, weil sie besser vernetzt sind als wir in der siebten Liga.“ Einfach ist das alles nicht. „Türkiyemspor zum Beispiel, hatte Schulden von 800.000 Euro aber viele von den türkischen Geschäftsleuten in Berlin sehen den Klub als ein Stück Heimat in Berlin und haben deswegen das Portemonnaie geöffnet. Aber wir sind hier in Spandau, es gibt 13 oder 14 Vereine im Bezirk und jeder kocht sein eigenes Süppchen. Es gibt sehr viel Konkurrenz.“

In der reichen Welt des Fußballs, ist 40.000 Euro wirklich nichts. Der 1.FC Union, zum Beispiel, hat im Februar eine Geldstrafe von 45.000 Euro für schlechtes Fanverhalten an den DFB bezahlt. Adrian Ramos von Hertha BSC verdient geschätzt 30.000 Euro pro Woche. Leo Messi braucht nur einen Tag, um 40.000 Euro zu verdienen. Und ein alter Traditionsverein soll verschwinden, weil ein paar Euros fehlen? Das ist schade. In diesem Fall muss ich an Irland denken. Was ist tatsächlich wichtig? Wollen wir eine Fußballwelt, wo es nur reiche Megaklubs gibt und die kleinen Amateurklubs verschwinden Stück für Stück? Oder wollen wir alte Traditionsvereine mit Geschichte und Charakter und mit engagierten Ehrenamtlern, die seit Jahren versuchen, die Fehler von anderen zu beheben und der lokalen Gemeinde ein sportliches zu Hause zu bieten? Wenn der Spandauer SV verschwindet, dann wäre das nicht nur ein Ruckschlag für den Fußball in Spandau, Berlin und Deutschland, sondern auch ein kleiner Schlag für die kollektive Seele des Fußballs.

Der Autor: Stephen Glennon kommt aus Irland, lebt seit 2005 in Berlin und ist Mitgründer des englischsprachigen Berliner Fußballmagazins No Dice.  Für den Tagesspiegel schreibt Glennon immer freitags über den Berliner Fußball. Aktuelle Fotos und Spielberichte aus dem unterklassigen Berliner Fußball gibt es auch unter www.facebook.com/NoDiceMagazine

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