Kolumne: Ich – Ironman (2) : Laktat lügt nicht

Unser Autor will Anfang Juli am deutschen Ironman in Frankfurt teilnehmen. Beim sportmedizinischen Check erwarten ihn nun erst einmal die Sorgenfalten des Arztes – und der Ratschlag, sein Trainingspensum auf 20 Stunden pro Woche zu erhöhen.

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Im swingerclubfähigen Netzhemd. Tagesspiegel-Autor Arne Bensiek fixiert die Topfpflanze auf der Fensterbank.
Im swingerclubfähigen Netzhemd. Tagesspiegel-Autor Arne Bensiek fixiert die Topfpflanze auf der Fensterbank.Foto: Mike Wolff

„Ich sitze nicht hier und behaupte, dass das, was Sie vorhaben, gesund ist“, sagt Robert Margerie. Vergeblich suche ich Verständnis in seinem Blick. „Wir sollten nur sicherstellen, dass Sie für das, was Sie da vorhaben, gesund sind“, schiebt der Sportmediziner hinterher. Ein Ironman ohne das Okay vom Arzt wäre zu riskant und dumm, deshalb bin ich zum Zentrum für Sportmedizin nach Zehlendorf gefahren. Doktor Margerie, selbst Marathonläufer, genießt unter Sportmedizinern und Athleten einen sehr guten Ruf. Das Zentrum, in dem er arbeitet, ist für seine umfassende Leistungsdiagnostik bekannt.

Bevor ich zum Belastungs-EKG aufs Laufband darf, prüft Margerie meine Beweglichkeit und enthüllt gleich erste Probleme. „Oh je, ich sehe schon“, klagt er, als ich versuche, bei durchgestreckten Knien mit den Fingerspitzen den Boden zu berühren. Unter mir könnte ein Bobby-Car parken, ich würde nicht an die Hupe kommen. 20 Jahre im Fußballverein haben mir keine Profikarriere beschert, dafür stark verkürzte Muskeln in den Oberschenkeln und Waden.

Ich versuche, von meinen Defiziten abzulenken, prahle kurzerhand mit meiner frischen Marathonbestzeit von knapp über drei Stunden. Der Arzt nickt noch anerkennend, da folgt der nächste Schock: „Sie sind nur 800 Kilometer im letzten Jahr gelaufen?“ Die Sorgenfaltenstirn des Experten kontere ich naiv: „Insofern keine schlechte Leistung, oder?“ Ich muss lernen, es hätten mit Blick auf den geplanten Ironman mal mindestens 2000 Trainingskilometer sein sollen. Jetzt bin ich besorgt.

Das Laufband soll Klarheit über meine Verfassung bringen. Laktat lügt nicht. Verkabelt mit Sensoren, fixiert von einem swingerclubfähigen Netzhemd und gesichert durch ein Haltegeschirr, trabe ich los. Eine Kunststoffmaske versorgt mich mit Sauerstoff und misst Atemfrequenz und -volumen. Die Übung dauert so lange, wie der Patient durchhält. Los geht es mit läppischen 2,5 Metern pro Sekunde, alle drei Minuten hält das Band an, eine Dame quetscht für die Laktatmessung Blut aus meinem Ohrläppchen. Dann folgt die nächste Belastungsstufe. 34 Minuten später fühle ich mich wie kurz vor dem Ersticken. Der Teppich unter mir rast mit 4,75 Metern pro Sekunde. Genauso schnell läuft der Schweiß. Puls 203, die Beine glühen, meine Augen klammern sich an die Topfpflanze auf der Fensterbank. Ein letzter Versuch von Selbsthypnose. Stufe zehn ist mein Ende. Schluss.

Geduscht trete ich eine halbe Stunde später bei Doktor Margerie zur Zeugnisausgabe an. Die guten Nachrichten gibt es zuerst: Mein internistischer und orthopädischer Status sei unauffällig, keine Probleme beim Blutdruck, das Herz schlage regelmäßig. Altersbezogen hätte ich eine sehr gute maximale Laufleistung gezeigt. Dann folgen mahnende Worte. Wo bei sehr gut trainierten Ausdauersportlern – wie Langstrecken-Triathleten – der Laktatwert lange stabil bleibe, steige er bei mir sofort an. Die Pulskurve sei ebenfalls zu hoch. „Ihnen fehlt die Grundlagenausdauer“, ist Margeries Urteil. Bisher habe ich immer nur das Gegenteil gehört.

„Medizinisch steht dem Ironman nichts im Weg, aber ich würde Ihnen raten, eher zwanzig als zwölf Stunden pro Woche zu trainieren“, sagt der Arzt, als sei das im Bereich des Möglichen. „Bis zum 6. Juli ist nicht mehr viel Zeit.“ Außerdem sei Erholung wichtig. Ungläubig frage ich, wie das bei dem Pensum möglich sei. Zur Regeneration solle ich die Disziplin Schwimmen nutzen, da dort die Belastung am geringsten sei – am besten täglich. „Täglich?“ Er nickt und grinst.

Immerhin ist hier nicht gemeint, sich im Liquidrom zu transzendentalen Klängen, gestützt von Schwimmnudeln, im Dunkeln durch die Liebenden treiben zu lassen. Margerie merkt, dass er mich mit seinen Ratschlägen einschüchtert, und nimmt den Zettel mit meinen Testergebnissen zur Hand. „61 Milliliter je Kilogramm pro Minute“, referiert er und lächelt. Meine maximale Sauerstoffaufnahme sei weit überdurchschnittlich. „Einen solchen Wert erwarten wir sonst eher von Bundesligaspielern.“ Der verständnisvolle Blick, da ist er doch noch. Wenn mir das Training erstmal zum Hals raushängt, das schwöre ich mir, muss mich die Erkenntnis aufbauen: Ich schwimme zwar noch nicht wie Paul Biedermann, aber ich atme schon wie Marco Reus.

Arne Bensiek ist Autor des Tagesspiegel. Jeden Donnerstag erscheint seine Kolumne „Ich – Ironman“ auf www.tagesspiegel.de/sport.

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