Kolumne: Ich – Ironman (5) : Die Packungsbeilage

Unser Autor will Anfang Juli am deutschen Ironman in Frankfurt teilnehmen. Dafür wendet er sich an den Ex-Profi Christian Prochnow. Doch der warnt: "Unglaubliche Gefahren drohen."

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Ex-Prof-Triathlet Christian Prochnow
Ex-Prof-Triathlet Christian ProchnowFoto: Arne Bensiek

Überall lauern die Gefahren. Ich könnte sportsüchtig werden, im Sozialverhalten abstumpfen, vereinsamen oder vor lauter Training ausbrennen. Im Wettkampf könnte mich Panik überkommen, ich könnte die Konzentration verlieren, scheitern und die sportliche Niederlage zu einer persönlichen machen. Eigentlich bin ich nach Potsdam gefahren, um einen Schlachtplan zu entwerfen. Mit dem ehemaligen Profitriathleten Christian Prochnow wollte ich über sinnvolle Vorbereitungswettkämpfe sprechen. Nun habe ich von ihm erstmal die Ironman-Packungsbeilage zu hören bekommen, mitsamt aller Risiken und Nebenwirkungen. „Unglaubliche Gefahren drohen“, trichtert mir Prochnow ein zweites Mal ein. „Gerade für Amateure.“ Er wolle mir keine Angst machen, sagt er. Ihm sei allerdings in den Trainingslagern, die er für Hobbysportler veranstaltet, schon so manch bedauernswertes Exemplar begegnet.

Trainingspläne betet Prochnow in einem Atemzug runter. 2008 war er mit dem Nationalteam bei den Olympischen Spielen in Peking. Jetzt arbeitet er mit seinen erst 31 Jahren als Stützpunkttrainer der Deutschen Triathlon Union in Potsdam. „Einen Marathon Anfang April?“, fragt er und schaut entgeistert. Ich habe ihm soeben von Paris vorgeschwärmt und erzählt, dass ich schon angemeldet sei. Das könne nicht schaden, dachte ich. Eine neue Marathonbestzeit würde meinen Trainingseifer sicher beflügeln. Das sei zu viel vom selben, erfahre ich. „Der Marathon zerschießt dir dein Training“, warnt Prochnow.

Ich bin entsetzt und verschweige besser, dass die Anmeldung für ein vergleichbares Laufabenteuer Ende April ebenfalls raus ist. Prochnow liefert die Begründung für sein Abraten, spricht von Stoffwechselprozessen, die sich ab einem bestimmten Punkt nicht mehr steigern ließen. „Wer nicht variiert und kombiniert, stagniert“, singt er fast und schmunzelt dann wissend. Ich schlucke. Viel hilft nicht immer viel.

Um den allgegenwärtigen Gefahren aus dem Weg zu gehen, empfiehlt mir mein Berater dringend Abwechslung. Nicht nur zuhause stumpf und einsam auf der Rolle treten, sondern mit anderen im Wald Mountainbike fahren. Zusammen mit der Freundin ins Schwimmbad gehen, erst recht wenn sie deutlich besser schwimme als ich. Zu einem Lauf-ABC rät mir Prochnow außerdem, damit ich lerne, meine Technik bewusster wahrzunehmen, im Wettkampf zu steuern und beispielsweise längere Schritte zu machen. Von einem Besuch beim Sportpsychologen könne ich nur profitieren. Regelmäßig solle ich einen Physiotherapeuten besuchen. All das bekämpfe jegliche Langeweile, fasst Prochnow zusammen. All das würde mich zum Profi machen, denke ich.

Nach der Vorstellung des Ausnahmeathleten wäre ein zweiwöchiges Trainingslager Ende März optimal und dasselbe noch einmal Ende Mai. Am besten irgendwo in wärmeren Breiten. Dort solle ich meine bisherigen Trainingsumfänge verdoppeln, um einen starken Trainingsreiz zu setzen. Soweit die Theorie. Die Praxis sagt leider: keine Zeit, kein Geld. Es bleibt mir nur, mein günstiges, sonnenärmeres Training in den Berliner Arbeitsalltag zu integrieren. Es muss auch so gehen.

Bevor er zurück in die Schwimmhalle aufbricht, empfiehlt mir Prochnow noch, in jedem Fall vor dem Ironman noch einen Mitteldistanz-Triathlon im Mai zu absolvieren. Mit dieser halben Generalprobe sammle ich vor dem großen Tag noch wichtige Erfahrung. Für alle Vorbereitungswettkämpfe – empfohlen oder nicht – gelte: nie im absoluten Wettkampftempo, sondern immer besonnen. Eigentlich muss ich also nur zur Besinnung kommen.

Arne Bensiek ist Autor des Tagesspiegel. Jeden Donnerstag erscheint seine Kolumne „Ich – Ironman“ auf www.tagesspiegel.de/ironman.

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