Kolumne: Ich – Ironman (6) : Audienz beim Laufpapst

Unser Autor will Anfang Juli am deutschen Ironman in Frankfurt teilnehmen. Für eine Trainingseinheit trifft er den großen Achim Achilles. Das Oberhaupt der Hobbyläufer gibt ihm ein paar heilige Gebote mit auf den Weg.

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„Hinterher sieht man immer scheiße aus“: Achim Achilles vor dem Laufen.
„Hinterher sieht man immer scheiße aus“: Achim Achilles vor dem Laufen.Foto: promo

Der Laufpapst trägt keine roten Schuhe. Das ist die erste fundamentale Erkenntnis am frühen Morgen, als ich das Oberhaupt der Läufergemeinde herantraben sehe. Es werden noch einige Weisheiten folgen. Die Audienz, die mir der große Achim Achilles einräumt, hat dem Meister selbst wohl eine kurze Nacht beschert. Vor mir steht ein unausgeschlafener, frierender 50-Jähriger, unrasiert, unbändiges langes Haar, mit weißer Laufweste und engen schwarzen Leggins, deren gefürchtete Aufdringlichkeit er immerhin mit pludrigen Shorts entschärft hat. „Boah, ich kriege die Klüsen gar nicht richtig auf“, motzt er und blinzelt mich an. Dennoch besteht der Laufpapst auf ein Foto vor der Trainingseinheit. „Das ist das erste Gebot“, predigt er mit erhobenem Zeigefinger. „Hinterher sieht man immer scheiße aus.“ Laufen und lernen – so habe ich mir eine Trainingseinheit mit der Stimme der Hobbyläufer vorgestellt. Dabei wurde ich gewarnt: Der Laufpapst sei nicht mehr sonderlich schnell zu Fuß.

Tatsächlich muss ich auf den ersten Metern irgendwie an den Tempomat des Papamobils denken. Vielleicht liegt es an den überfrorenen Waldwegen im Berliner Grunewald. Vielleicht braucht der Missionar der Jedermänner und -frauen aber auch jeden verfügbaren Sauerstoff für die bevorstehenden Gleichnisse und Ratschläge. Vom Eis halb ins Unterholz gedrängt, verfolge ich sein Hüpfen und Schlittern auf der anderen Seite des Weges und stelle mir die Frage, ob mich dieses Exemplar zur Erleuchtung bringen kann. Da schallt schon das zweite Gebot zu mir herüber: „Du sollst nicht auf die anderen schauen.“ Ich fühle mich ertappt. Doch zu unrecht. Mein ketzerischer Blick ist dem Laufpapst offenbar nicht aufgefallen, vielmehr doziert er über Erkenntnisse aus geschlagenen Schlachten der letzten Jahrzehnte. Wer sich beim Marathon oder Triathlon an den anderen orientiere, statt in sich selbst hineinzuhören, komme vom rechten Pfad ab. Kein Problem, denke ich und nicke brav, bis Eure Heiligkeit hinterher schiebt: „Aber manchmal ist es schon geil, es den ganzen Luschen so richtig zu zeigen.“

Als wir nach einer Dreiviertelstunde den Uferweg der Krummen Lanke erreichen, erzählt mir Achim von traumatischen Erlebnissen beim Triathlonschwimmen. Im dichten Gedränge verfielen selbst einige Profis mitunter in Panik und arbeiteten deshalb mit Psychologen zusammen. Im Wasser kämen tiefer liegende Ängste hervor, meint er. Sofort denke ich mit Schrecken zurück an einen Wettkampf am Müggelsee: 200 Metern nach dem Start, Brille beschlagen, Stöpsel in den Ohren, atme ich die Welle eines Nebenmanns ein. Ich glaube zu ersticken und unterzugehen, spätestens als mein Hintermann auf direktem Wege überholt – über mich drüber. „Aber am Ende ist alles gut gegangen?“, fragt Achim besorgt und gebietet mir: „Fürchte dich nicht.“

Auch wenn mein Puls die 140 Schläge heute nicht erreicht und mein Blick ununterbrochen das glatte Geläuf abtastet, ist die erste Stunde dank der Waldpredigt schnell vergangen. Wie viel man als Laufpapst so trainiere, will ich wissen, und empfange das ausweichende vierte Gebot: „Du sollst nicht Sklave deines Trainingsplans sein.“ Er sei zwar sehr streng und zu Fleiß erzogen worden, erzählt Achim und schiebt seinen Schlauchschal ins Haar. Seinem Vater seien Hände in den Hosentaschen stets eine Ohrfeige wert gewesen. Trotzdem sympathisiere er durchaus mit Mut zu zivilem Ungehorsam an manchen Trainingstagen. Gerade Triathleten falle das fünfte Gebot allerdings schwer: „Du sollst regenerieren.“ Das kann ich, denke ich, der immer noch nicht ganz auf die geplanten zwölf Trainingswochenstunden kommt.

Bevor der Laufpapst die zehn Gebote voll machen kann, erreichen wir nach anderthalb Stunden den Ausgangspunkt. Mir fällt das erste Gebot wieder ein. Doch nach Spuren der Verwüstung suche ich ohne Erfolg. Achims Augen sind jetzt wacher und taxieren mich. „Du solltest mit deinen jungen Jahren den Ironman unter elf Stunden schaffen“, sagt er. Dann verabschiedet er sich und läuft lachend davon.

Während ich ihm hinterher schaue, frage ich mich, ob das nun ein Gebot ist. Wenn ja, möge sein Wille geschehen.

Arne Bensiek ist Autor des Tagesspiegel. Jeden Donnerstag erscheint seine Kolumne „Ich – Ironman“ auf www.tagesspiegel.de/ironman.

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