Kolumne: Meine Champions : Rudi Völler: Der fliegende Deutsche

Rudi Völler nennt sich immer noch einen "halben Römer", heute spielt sein Klub Bayer Leverkusen gegen seine alte Liebe, den AS Rom.

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Erfolgreiche Gastarbeiter. Rudi Völler (links) und Andreas Brehme.
Erfolgreiche Gastarbeiter. Rudi Völler (links) und Andreas Brehme.Foto: Imago

Vor bald 30 Jahren trug Rudi Völler das Haar noch straßenköterblond, da wurde ihm vor der eigenen Haustür der Mercedes geklaut. Das kommt zuweilen vor, aber weil die Gazzettas und Corrieres in Rom täglich irgendwie ihre Seiten füllen müssen, war der Diebstahl ein paar Tage lang großes Gesprächsthema. Bis dann der Wagen wieder vor Völlers Haustür stand, frisch poliert und mit einem Entschuldigungsschreiben auf dem Fahrersitz: Scusi, Rudi!

Diese Geschichte erzählen sie in Italien noch heute gern, und alle paar Jahre erfährt sie neue Wendungen. Die Phantasie der römischen Literaten ist legendär, aber im konkreten Fall ist das unerheblich. Entscheidend ist, dass sie ihm diese Eloge überhaupt gewidmet haben. Deutsche Gastarbeiter werden in Italien auch auf dem Fußballplatz bestenfalls bewundert, aber doch eher selten geliebt. Rudi Völler liegen sie bis heute zu Füßen. Der Mann sagt bis heute von sich, er sei halber Römer, auch wenn er seit 21 Jahren in und um Leverkusen zuhause ist. Weil er ohnehin recht nah am Wasser gebaut ist, dürfte es am Dienstag emotional werden. Am dritten Spieltag der Vorrundengruppe E empfängt Bayer Leverkusens Sportdirektor Rudi Völler seine alte Liebe, die Associazione Sportiva Roma. Es ist ein nicht ganz unwichtiges Spiel, was die weitere Verweildauer beider Klubs in der Champions League betrifft. „Natürlich hoffe ich, dass beide Mannschaften weiterkommen“, sagt Völler, aber das sei schon ein sehr verwegener Ansatz in einer Gruppe, an deren Spitze der FC Barcelona thront.

Der beliebteste Deutsche in der Serie A war Völler

In den späten Achtzigern und frühen Neunzigern waren die Deutschen in Italien gern gesehene Gäste. Vor allem jene, die fernab der Strände so geschickt mit dem Fußball umgehen konnten, dass sie Ruhm und Ehre der großen Klubs in Italien und ganz Europa mehrten. Juventus, Inter, Milan, alle hatten sie damals ihren Deutschen, ihren Kohler, Rummenigge, Riedle, Reuter oder Häßler. Es lohnte sich. In Mailand führten die Signori Matthäus, Brehme und Klinsmann den FC Internazionale zur Meisterschaft, in Verona gewann der gar filigranen Feinheiten unverdächtige Hans-Peter Briegel den Titel. Aber der beliebteste von allen war Rudi Völler, den sie in Rom Tedesco volante nannten, den fliegenden Deutschen.

Natürlich haben die Jahre in Italien Völler verändert. In Rom hat er seine Ehefrau kennengelernt, und auch die Vorliebe für braune Wildlederschuhe und feine Anzüge hat ihn nicht in Hanau, Bremen oder Leverkusen ereilt. Aber er hat der Versuchung einer kompletten Neuerfindung widerstanden. Rudi Völler ist Rudi Völler geblieben. Äußerlich gezeichnet von seiner zeitlos hausbackenen Tante-Käthe-Dauerwelle. Innerlich von seiner Bescheidenheit im privaten Auftreten, die in keinem Widerspruch zu seiner Streitlust steht, wenn es um die Sache geht, also um den Fußball. „Ich bin nicht der brave Junge, der zu allem Ja und Amen sagt“, hat er dem Tagesspiegel mal erzählt. „Im Gegenteil, ich kann ein richtiger Trotzkopf sein. 1987 habe ich nach meinem letzten Spiel in Bremen die Ehrenrunde verweigert, weil ein paar Fans gepfiffen haben. Alle haben mich zu überreden versucht, aber ich war beleidigt und bin sofort in die Kabine gerannt. Das nehmen mir bestimmt heute noch ein paar Leute übel.“

Im WM-Finale 1990 jubeln ihm die Römer zu

Das ist insofern ein bemerkenswertes Eingeständnis, weil ihm sonst noch niemand etwas übel genommen hat. Auch und erst recht nicht in Rom. Etwa dass er die Champions League im Spätwerk nicht mit der Roma gewann, sondern mit Olympique Marseille, gleich im ersten Jahr nach seinem Abschied. Im Stadio Olimpico stürzte der fliegende Deutsche 1990 kurz vor Schluss des WM-Finales einen Tick zu spektakulär und holte so den spielentscheidenden Elfmeter heraus – laut umjubelt vom italienischen Publikum, das lieber die wild um sich tretenden Argentinier auspfiff. Bei einem ersten Wiedersehen mit der Roma gelang Völler 2004 das Kunststück, den ihm in alter Verbundenheit angedienten Trainerjob nach nicht mal vier Wochen hinzuschmeißen, ohne dass er auch nur ein Hauch von Kritik einstecken musste. Stattdessen ergingen sich die Gazzettas und Corrieres in seitenlangen Abhandlungen über eine üble Spieler-Meuterei, deren Opfer der arme Völler geworden sei.

Wahrscheinlich werden sie es ihm auch nachsehen, sollte jetzt das große Rom in der Champions League an einer kleinen Stadt scheitern, deren Namen der Sprecher im Stadio Olimpico gewiss nicht fehlerfrei über die Lippen bringen wird. Beim Rückspiel in zwei Wochen, wenn der halbe Römer Rudi Völler zum ersten Mal als Gegner zum AS Rom kommt.

Sven Goldmann schreibt immer dienstags in den Spielwochen der Champions League über Kicker, Klubs und Klassiker in Europas Fußball

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