Kolumne: So läuft es : Wenn Laufen zur Kultur wird

Unser Kolumnist ist immer auf der Suche nach dem nächsten Laufwunder. Im Wald war er wundersam bemalten Baumstämmen auf der Spur.

von
Beim Laufen im Wald kann man auch mal versteckte Kunstwerke entdecken.
Beim Laufen im Wald kann man auch mal versteckte Kunstwerke entdecken.Foto: Felix Kästle/dpa

Kein Power-Gel der Welt, kein Energydrink und auch kein Superfood kann derart motivieren, wie Laufwunder, die einem überall beim Laufen begegnen können. Fies ist nur: Man muss lange genug laufen und man muss ganz genau hinsehen, sonst begegnen sie einem nicht. Findet man aber eines, ist das Energie pur. Und man könnte aus dem Stand einen Marathon laufen. Und... obacht! Man kann sehr schnell süchtig werden nach ihnen. Und dann läuft man immer mehr. Und mehr. Nur, um irgendwo das nächste Laufwunder zu finden. Ich jage sie quasi, bis ich endlich wieder eines erlegt habe.

Seit einigen Jahren fallen mir beim Laufen im Wald Zeichen auf. Es sind eigentlich Kunstwerke. Jemand bemalt auf wunderbare Art quer liegende Baumstämme. Dabei nutzt der Künstler die Struktur der Rinde und des Holzes, und integriert diese in seine Werke. Überall im Wald sah ich diese Kunst, aber nie sah ich einen Maler.

Seit drei Jahren sehe ich immer wieder einen solchen auf meiner Strecke, aber er hat stets eine Staffelei dabei, und malt mit Ölfarben. Einfach so. Mitten in der Natur. Ich habe ihn nie mit den Baumbildern in Verbindung gebracht. Ich hätte ja auch einfach mal fragen können. Das habe ich letzte Woche getan. Da war er wieder, stand an der Pferdeweide, mit Staffelei und Ölfarben.

„Ich sehe Sie seit Jahren und ich muss Ihnen einfach mal sagen: Wunderbar machen Sie das. Sie malen immer wieder Teile meiner Laufstrecke. Einfach schön“, sage ich zu ihm. Das Kompliment wollte ich schon lange mal loswerden. „Danke“, sagt der immer und immer freundlich lächelnde Herr. „Ich hab da so Spaß dran. Ab und an bemale ich Bäume, aber am liebsten male ich klassisch. In Öl. Naturbilder. Man nennt mich den Waldmaler, haben Sie vielleicht schon mal gehört“, sagt Wolfgang Schieffer als er mir keck seine Visitenkarte zusteckt. Der Waldmaler!

Vom Halbmarathon-Mann zum Waldmaler

„Früher bin ich ziemlich viel gelaufen. Sogar Halbmarathon. Dann ging's mit der Gesundheit nicht mehr so. Da bin ich eben gegangen. Und jetzt male ich“, lächelt er. Ha! Ein Läufer-Waldmaler. Ziemlich lässig, finde ich. Der Waldmaler ist früher Autorennen gefahren, hatte ein Taxiunternehmen, das er verkaufte und was ihm den Lebensunterhalt verschafft. „Ich hab mal davon geträumt, malen zu können. Danach hab ich es einfach versucht. Und es hat geklappt. Ich hab weitergemacht. Und es ging immer besser, ich mag die klassische Ölmalerei, das moderne Zeug gibt mir nichts“, sagt Wolfgang auf meine Frage, wie er überhaupt zur Malerei kam.

Heute stellt er seine Bilder aus, ist Mitglied im Kölner-Maler-Kreis und verkauft ab und an ein Bild. Vom Halbmarathon-Mann zum Waldmaler. Starke Geschichte. Starker Wolfgang. Starkes Laufwunder, das mir immer wieder begegnet, und mich motiviert. Und mir Hoffnung gibt. Denn, sollte es mit dem Laufen eines Tages mal nicht mehr gehen, dann könnte ich mir eine Staffelei kaufen. So läuft es.

Mike Kleiß leitet eine Kommunikations- und Markenagentur in Köln und schreibt hier an jedem Donnerstag übers Laufen.

» Mehr lesen? Jetzt gratis Tagesspiegel testen!

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben