Kolumne Steilpass : Ohne Kühne stünde der HSV besser da

Kreativität kann man nicht kaufen. Das wird dem Hamburger SV heute beim Spiel gegen die TSG Hoffenheim noch einmal vor Augen geführt.

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Vorstandschef Dietmar Beiersdorfer greift nach einem HSV Wimpel.
Vorstandschef Dietmar Beiersdorfer greift nach einem HSV Wimpel.Foto: dpa

Vor gut einem Monat hat der HFC Falke aus Hamburg einen neuen Vereinsrekord aufgestellt. 773 Menschen wollten an einem grauen Herbstsonntag, mittags um zwölf, das Kreisliga-Spiel gegen die vierte Mannschaft des FC St. Pauli sehen. So viele Zuschauer hatte der Klub nie zuvor. Der HFC Falke existiert auch noch nicht allzu lange, gegründet wurde er vor zwei Jahren von unzufriedenen Mitgliedern des großen Hamburger Sportvereins – aus Protest gegen die Ausgliederung der Profiabteilung. Die Debatte hat den stolzen Verein damals innerlich zerrissen; die Gegner der Ausgliederung wurden als naive Nostalgiker beschimpft, die die Zeichen der Zeit nicht erkannt haben und dem Wiederaufstieg des Klubs zu historischer Größe im Weg stehen.

Grundsätzlich hat sich an dieser Ansicht wenig geändert. Es ist immer noch Mehrheitsmeinung, dass für den HSV ohne die Ausgliederung und damit ohne das Geld von Klaus-Michael Kühne alles noch sehr viel schlimmer gekommen wäre: Ohne Kühnes Kohle wäre der Klub längst insolvent, heißt es. Knapp 100 Millionen Euro soll der große alte Mann der Logistikbranche bisher in seinen Lieblingsverein gesteckt haben. Dass das Geld gewinnbringend angelegt worden ist, wird niemand ernsthaft behaupten. Allein vor dieser Saison hat der Klub 30 Millionen Euro in neue Spieler gesteckt – um nach zehn Spieltagen mit gerade mal zwei Punkten mal wieder Tabellenletzter zu sein.

Natürlich ist es nicht erstrebenswert, kein Geld zu haben, weder als Privatperson noch als Fußballklub in einem durchkommerzialisierten Umfeld. Trotzdem behaupte ich: Ohne Ausgliederung, ohne Kühne stünde der HSV heute deutlich besser da. Denn kein Geld zu haben fördert zumindest die Kreativität. Die Hamburger aber frönen lieber der neureichen „Was kostet die Welt?“-Attitüde.

An diesem Sonntag wird den Verantwortlichen des HSV noch einmal ihr ganzes Versagen vor Augen geführt . Der Klub tritt bei der TSG Hoffenheim an. Überragender Spieler des Tabellendritten ist gerade Kerem Demirbay, den die TSG im Sommer für günstige 1,7 Millionen Euro verpflichtet hat – vom HSV. Die Hamburger selbst haben Demirbay einst ablösefrei aus der U 23 von Borussia Dortmund geholt und ihn zuletzt an den Zweitligisten Fortuna Düsseldorf ausgeliehen.

Mit einer solchen Vita kann man beim ruhmreichen HSV einfach nichts werden.

- Die Kolumne Steilpass erscheint im gedruckten Tagesspiegel auf der Seite 11Freunde freitags.

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