Kommentar zum Bayern-Spiel in Riad : Die Crux mit der Moral

Der FC Bayern München bestreitet ein Freundschaftsspiel in einem Land, in dem es Frauen verboten ist, ein Fußballstadion zu betreten. Für Pep Guardiola ist es trotzdem "eine Ehre, hier zu sein". Stefan Hermanns über das Phänomen: "Geld schlägt Moral".

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Wo ist hier den Knopf zum Anschalten? Pep Guardiola sprach in Riad davon, dass es eine "Ehre sei, hier zu sein".
Wo ist hier den Knopf zum Anschalten? Pep Guardiola sprach in Riad davon, dass es eine "Ehre sei, hier zu sein".Foto: dpa

Im Grunde ist der FC Bayern München doch auch nicht schlechter oder besser als Mario Mustermann. (Nein, es geht jetzt nicht um unser aller Lieblingssport Steuerhinterziehung.) Zu Hause im Wohnzimmer geben wir uns alle zutiefst moralisch. Dann wettern wir gegen das Unrecht in der Welt, gegen die Massentierhaltung, gegen die Ausbeutung der Textilarbeiterinnen in Bangladesch – und kaufen beim nächsten Mal doch wieder bei H&M ein T-Shirt für fünf Euro oder im Discounter ein Kilo Hänchenschenkel für 2,79 Euro. Unter welchen Voraussetzungen solche Preise überhaupt möglich sind, darüber wollen wir lieber nicht nachdenken.

 Der FC Bayern München hat sich auch schon positioniert gegen die Fußball-Weltmeisterschaft, die 2022 im Wüstenstaat Katar stattfinden soll – aber das hat den deutschen Rekordmeister nicht davon abgehalten, zum fünften Mal hintereinander in Doha sein Wintertrainingslager zu absolvieren. Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge hat das unter anderem damit begründet, dass es in Katar die besten Trainingsbedingungen der Welt gibt. Wie solche Trainingsbedingungen zustanden kommen, dass es für Bauarbeiter aus Nepal in Katar nicht gerade die besten Arbeitsbedingungen der Welt gibt, darauf konnten die Bayern leider keine Rücksicht nehmen.

 Reinhard Rauball, der Präsident der Deutschen Fußball-Liga (DFL), hat sich in dieser Angelegenheit deutlich positioniert. Er hat von einem sklavenähnlichen System auf Katars Baustellen gesprochen. Vielleicht hätte die DFL ihre Mitglieder Bayern und Schalke auch mal darauf hinweisen können, dass es für eine stringente Haltung der Liga eher kontraproduktiv ist, dieses System durch die eigene Anwesenheit nicht nur zu stützen, sondern in gewisser Weise sogar noch zu adeln. Aber vielleicht hätten Schalke und der Bayern da auch selbst drauf kommen können.

 Es ist aber auch eine Crux mit der Moral. Kommt daher wie ein ungelegener Störenfried, mischt sich in Dinge ein, die man am liebsten unter den orientalischen Teppich kehren würde. Wie die Aufregung um das Freundschaftsspiel der Bayern in Riad. Auf der Rückreise nach Europa haben die Münchner am Samstag einen kurzen Stopp in der saudi-arabischen Hauptstadt eingelegt für ein – vermutlich – gut dotiertes Freundschaftsspiel gegen Al-Hilal. Wer kann da schon nein sagen?

Raif Badawi wird in seiner Gefängniszelle wohl kein super Frühstück gehabt haben

Bayerns Verteidiger Holger Badstuber hat am Vormittag noch schnell ein fröhliches Foto aus dem Hotel in Doha getwittert: „Super Frühstück mit Bastian Schweinsteiger vorm Abflug nach Riad.“ Raif Badawi wird in seiner Gefängniszelle wohl kein super Frühstück gehabt haben. Der Blogger ist wegen angeblicher Beleidigung des Islam zu zehn Jahren Haft und 1000 Peitschenhieben verurteilt worden. Nach den ersten 50 hat sich das menschenfreundliche saudische Regime immerhin dazu durchgerungen, die nächste Runde aus medizinischen Gründen erst einmal zu verschieben.

 Die Reaktion der Bayern? Ach, wenn sie wenigstens geschwiegen hätten! Stattdessen hat Trainer Pep Guardiola in einer eigens angesetzten Pressekonferenz sogar gesagt: „Es ist eine Ehre, hier zu sein.“ In einem Land, in dem keine Frauen das Spiel der Bayern im Stadion sehen durften, in einem Land, das seine Gefangenen zu Tode foltert und in dem Menschen (laut Amnesty International) immer noch wegen des Vorwurfs der Hexerei hingerichtet werden.

 Pep Guardiola gilt als vielseitig interessierter Mann, er bewegt sich in intellektuellen Kreisen, zählt Dichter und Filmemacher zu seinen Freunden – und hat sich trotzdem immer gegen den Ruf gewehrt, ein Intellektueller zu sein. Jetzt wissen wir auch, warum.

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