Kommentar zum Geständnis von Jan Ullrich : Vergebung verjährt

Nach der Doping-Beichte von Jan Ullrich fragt sich unser Autor Dominik Bardow, wem das späte Geständnis eigentlich hilft - und ob Ullrich damit für eine Vergebung nicht vielleicht zu lange gewartet hat.

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Juli, 2005. Jan Ullrich, Deutschlands einziger Tour-de-France-Gewinner, erreicht bei der Frankreich-Rundfahrt hinter Lance Armstrong und Ivan Basso den dritten Platz. Armstrong und Ullrich werden ihre Plätze im Nachhinein jedoch aberkannt.
Juli, 2005. Jan Ullrich, Deutschlands einziger Tour-de-France-Gewinner, erreicht bei der Frankreich-Rundfahrt hinter Lance...Foto: dpa

Der 22. Juni 2013 ist ein historischer Tag. Jan Ullrich, einst der größte Held des Radsports in Deutschland, wird erstmals öffentlich mit der Aussage zitiert: Ich habe gedopt. Immer noch indirekt, mit Einschränkungen, aber immerhin, er sagt es. Doch wem hilft dieses Geständnis, jetzt noch?

Dem Radsport sicher nicht, denn Ullrich klärt nichts auf, nennt keine Details, das kann er juristisch wohl auch gar nicht. Stattdessen gerät der Sport kurz vor der 100. Tour de France weiter in Verruf, wenn das überhaupt noch möglich ist.

Hilft das Geständnis der Öffentlichkeit? Es war doch ohnehin klar, alles so bewiesen, hätten wir die Worte überhaupt noch lesen müssen? Wer so viele Gelegenheiten zur Beichte verstreichen ließ, der kann es irgendwann auch sein lassen.

Ullrich wirkt wie eine tragische Figur, wie ein Mann, der seiner Frau irgendwann sagt, dass er sie doch betrogen hat, nachdem er es jahrelang abgestritten hatte. Wer einen Fehler begeht, der tut oft gut daran, ihn möglichst bald zuzugeben und Reue zu zeigen, damit ihm irgendwann verziehen wird. Gerade in der Öffentlichkeit. Uli Hoeneß etwa warb bei seiner Steueraffäre schnell um Verständnis. Wer nach Jahren plötzlich sagt: Ich habe es doch getan, der sagt damit hauptsächlich: Ich habe so lange gelogen. Was soll man darauf antworten, außer: Ach, hättest du nur geschwiegen. Nicht nur Strafen für Dopingvergehen verjähren, auch die Chancen auf Vergebung.

Aber vielleicht hilft es wenigstens einem Menschen: Ullrich selbst. Nicht, indem es ihm Geld, berufliche Perspektiven oder die Rückkehr ins öffentliche Leben beschert. Ein Geständnis, nach Jahren in eine leere Zelle gesprochen, kann befreien, wenn auch nur geistig. Ullrich sagt immer noch, er habe niemanden betrogen. Da täuscht er sich. Wenn er sich das irgendwann eingestehen und selbst verzeihen kann, dann hat die Beichte geholfen.

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