Kooperation im Antidopingkampf? : Wada und Pharmafirmen treffen sich in Paris

Die Welt-Antidopingagentur Wada hat Pharmariesen zu einer wissenschaftlichen Konferenz in Sachen Antidoping nach Paris eingeladen. Viel gebracht hat der Meinungsaustausch aber nicht - aus einem ganz einfachen Grund.

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Fischen im Trüben. John Fahey, Präsident der Welt-Antidopingagentur Wada, sucht neue Wege, um dem Betrug im Sport entgegen zu wirken. Foto: dpa
Fischen im Trüben. John Fahey, Präsident der Welt-Antidopingagentur Wada, sucht neue Wege, um dem Betrug im Sport entgegen zu...Foto: dpa

Das Treffen von Paris war keine Selbstverständlichkeit. Schließlich bat dort – gemessen an seinem finanziellen Habitus – ein Zwerg die Riesen zu Tisch. Aber die Riesen kamen tatsächlich. Die Welt-Antidopingagentur Wada (Jahresbudget ungefähr 22 Millionen Euro) lud Pharmariesen wie Roche (allein im dritten Quartal 2012 Umsätze von 9,3 Milliarden Euro), GlaxoSmithKline (8,1 Milliarden Euro) und Amgen (3,3 Milliarden Euro) zu einer wissenschaftlichen Konferenz in Sachen Antidoping nach Paris ein. Zwar hatte es zehn Jahre lang gedauert, bis die Konzerne der Einladung Folge leisteten, wie der Forschungsdirektor der Wada, Olivier Rabin, zur Begrüßung launig verkündete. Aber die Freude über das Ereignis ließ die Mühen der Dekade vergessen. Immerhin wollen die anwesenden Unternehmen nun bereits vor dem Markteintritt neuer Medikamente deren Missbrauchspotenzial in Sachen Sportbetrug erkunden und der Wada bei der Entwicklung wirksamer Tests zum Nachweis unter die Arme greifen.

„Unsere Forschungsteams werden bereits bei der Entwicklung von neuen Medikamenten in Zusammenarbeit mit der Wada Dopingrisiken einzelner Komponenten identifizieren und der Wada bei der Entwicklung von Tests helfen“, beschrieb Philip Thomson, Pressesprecher von GlaxoSmithKline, das Vorhaben. Bislang dauerte dies Jahre, wie Wada-Generalsekretär David Howman feststellte. Er beobachtete das neue Epo-Präparat Cera bereits im Jahre 2004 auf dem Dopingmarkt. Es erhielt seine Erstzulassung im Jahre 2007, doch erst 2008 war ein Nachweistest verfügbar. Bei dem flogen dann gleich vier Radprofis auf – unter anderem zwei Profis aus dem Team Gerolsteiner, Stefan Schumacher und Bernhard Kohl. Dann aber wurde Cera von Dopern mutmaßlich abgesetzt. Betrüger, die es in den Jahren davor benutzten, konnten nur sporadisch dingfest gemacht werden. Nachtests bei Olympia 2008 ergaben fünf positive Fälle. Außerhalb Olympias wurde jedoch nicht nachuntersucht.

Ermittlungen über die Herkunft der Medikamente waren nicht Gegenstand der Vereinbarungen zwischen Pharmaindustrie und Antidopingbranche. Dabei, sagte Howman dem Tagesspiegel, „müssen einige von ihnen aus dem Testbetrieb gestohlen worden sein“. Bisherige interne Untersuchungen der Firmen selbst erbrachten keine Ergebnisse. Howman verwundert das, er sagt: „Die Firmen beschäftigen dafür Leute in Vollzeit.“

Auch wie groß der Umsatz im Dopingmarkt ist, konnte in Paris nicht geklärt werden. Eine knappe Milliarde Dollar verdiente allein im letzten Quartal der kalifornische Pharmariese Amgen mit den bei Dopern beliebten Präparaten Aranesp und Epogen. Aufsehen erregte jüngst eine Sammelklage gegen Amgen mit dem Verhandlungsvolumen von 780 Millionen Dollar. Darin wird Amgen aggressives Marketing vorgeworfen. Den Klägern zufolge sollen Ärzte massiv aufgefordert worden sein, Epo-Präparate auch bei Krankheiten einzusetzen, für die das Medikament nicht zugelassen ist. Ärzten ist solch ein Einsatz bei therapeutischen Vorteilen erlaubt. Für Pharmafirmen stehen diese „Off-Label-Sales“ aber unter Strafe. Wenn eine Firma auf diesem kriminellen Wege Verkäufe vorantreibt, steht zu befürchten, dass sie Nebeneinnahmen aus dem Dopingmarkt zumindest toleriert.

Detaillierte Umsatzzahlen, die zumindest indirekte Abschätzungen erlaubt hätten, stellte Amgen auch auf dem Kongress nicht zur Verfügung. Mathieu Holz, bei Interpol für die Dopingjagd zuständig, beklagte diese Verschwiegenheit. „Die neue Partnerschaft wird sich auch daran messen lassen müssen, ob es hier zu einer Änderung kommt“, sagt er.

Etwas enttäuscht zog Ake Andren-Sandberg von der schwedischen Antidopingagentur in Paris von dannen. Denn das Problem, das er gegenwärtig hat – und das seiner Ansicht nach alle europäischen Antidopingagenturen betrifft –, wird selbst bei bestem Funktionieren der neuen Partnerschaft gar nicht gelöst. „80 Prozent der Dopingpräparate, die wir feststellen, kommen aus Thailand, China und Indien“, sagte er. Firmen aus diesen Ländern saßen in Paris nicht einmal am Tisch. Ein Indiz dafür, dass die globale Ausweitung der Partnerschaft von Pharmaindustrie und Dopingbekämpfern noch am Anfang steht.

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