Sport : Lächeln im langen Schatten

Yasuko Hashimoto gewinnt bei den Frauen und verliert doch gegen eine andere Japanerin

Frank Bachner

Berlin. Also, erst mal muss die Sache mit den Handschuhen geklärt werden. Yasuko Hashimoto trug nämlich rund 20 Kilometer lang weiße Handschuhe. Und damit sah sie aus wie eine Rettungssanitäterin, die gleich ein Unfallopfer verarztet. Musste sie jemanden verarzten, hier, beim Berlin-Marathon, in ihren Sportklamotten? Musste sie nicht. Yasuko Hashimoto hatte einfach bloß gefroren. Es war nicht wirklich kalt am Sonntagmorgen, aber die Japanerin friert leicht, und „dann ist es wichtig, dass die Hände warm bleiben“. Sie hatte ja schließlich etwas vor. Zwei Dutzend japanische Journalisten waren da, das japanische Fernsehen übertrug den Berlin-Marathon live, zu Hause saßen Millionen am Fernseher, der Sieg sollte es schon sein.

Nach 2:26,32 Stunden war die 28-Jährige als Erste im Ziel, damit ist sie in der Jahres-Weltrangliste nicht mal unter den ersten 20, aber das war ihr egal. Es war schließlich erst ihr dritter Marathon, „und mir ging es vor allem um den Sieg“.

Bei Kilometer 34 zog sie davon, die Konkurrenz kam nicht mehr mit, aber für die Japanerin war das durchaus auch ein Risiko. Im März, bei ihrem ersten Marathon, hatte sie sich in Nagoya, Japan, mit ihren Kraftreserven verschätzt, hatte lange geführt, und am Ende wurde sie bis auf Rang fünf durchgereicht. „Aber diesmal hatte ich keine Bedenken“, sagte sie. Musste sie auch nicht haben. „Ich hatte nie geglaubt, dass ich sie noch abfangen könnte“, räumte Emily Kimuria freimütig ein. Die Kenianerin kam fast zwei Minuten später ins Ziel als die zierliche Japanerin, aber immer noch zehn Sekunden vor der Italienerin Ornella Ferrara. Aber die hatte auch vor einem Jahr ihr zweites Kind bekommen und erst vor zwei Monaten begonnen, intensiv zu trainieren.

Und eigentlich lief Yasuko Hashimoto nicht in erster Linie gegen die Kenianerin und die Italienerin, sie lief vor allem gegen den langen Schatten der Naoko Takahashi. Noch eine Japanerin, genauso zierlich wie Hashimoto, aber um ein vielfaches berühmter und populärer. Takahashi ist eine Frau, die alle anderen erdrücken kann mit ihrer überragenden Präsenz. Zweimal gewann sie den Berlin-Marathon, 2001 und 2002, und bei ihrem ersten Sieg lief sie als erste Frau der Welt unter 2:20 Stunden. In Japan ist sie die beliebteste Sportlerin, ein TV-Reporter der Insel nannte sie hymnisch „Das Mysterium auf fliegenden Beinen“, sie ist der Maßstab für alle anderen auf der Insel. In diesem Jahr fehlt Takahashi, und es ist schwer zu sagen, wie sehr Yasuko Hashimoto darunter litt, an ihr gemessen zu werden. „Ich spüre keinen Druck durch die ganzen Medien“, verkündete sie lächelnd, aber damit hat sie wohl charmant geschwindelt. Sie sagte ja schließlich auch, „dass ich irgendwann mal hoffe, dass ich die Bestzeit von Takahashi verbessern kann“. Außerdem hofft sie, „dass ich auch mal die Hauptfigur einer Comicserie werde“. Takahashi ist das nämlich in Japan.

Für Hashimoto dürfte der Aufstieg zur Comic-Heldin noch dauern. Sie ist ein einziges Mal gegen die Legende gelaufen, vor zwei oder drei Jahren, so genau weiß die 28-Jährige das nicht mehr. Sie weiß nur, dass es ein Halbmarathon war und sie furchtbar schlecht ausgesehen hat neben der Marathon-Olympiasiegerin von 2000. Jetzt hat sie zwar gewonnen, aber mit ihrer mäßigen Zeit absolvierte die 28-Jährige höchstens einen kleinen Schritt aus dem Schatten der Rivalin.

Aber sie arbeitet daran. Auf dem Papier ist sie zwar noch keine vollständige Berufsläuferin. Doch sie ist bei einem japanischen Textil-Unternehmen angestellt und in die Läufer-Gruppe der Firma eingegliedert. Damit hat sie genügend Zeit fürs Training. „Davor aber habe ich in der Verwaltung der Firma gearbeitet“, sagt sie noch. Darauf legt sie Wert. Na gut, aber letztlich ist es egal. Bedeutsam ist die Zukunft, und jetzt will der Marathon-Neuling Hashimoto erst mal erheblich bessere Zeiten erreichen.

Die Handschuhe im Übrigen hat sie nach der Hälfte der Strecke weggesteckt. Es war nun warm genug.

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