• Länderspiel Deutschland-Schottland: Joachim Löw ist plötzlich wieder Entwicklungshelfer

Länderspiel Deutschland-Schottland : Joachim Löw ist plötzlich wieder Entwicklungshelfer

Motivationsprobleme vor dem Länderspiel in Dortmund? Überhaupt nicht. Bundestrainer Joachim Löw will die nachrückende Generation während der EM-Qualifikation stärker einbinden.

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Joachim Löw beobachtet seine Fußballer vor dem Länderspiel in Dortmund.
Jogi und die Jungs. Joachim Löw beobachtet seine Fußballer vor dem Länderspiel in Dortmund.Foto: AFP

Joachim Löw spitzte den Mund, als hätte er einen Zitronendrops gelutscht. Dazu rieb er sich mit der rechten Hand über den linken Oberarm. Die Frage eines schottischen Kollegen, worin der Bundestrainer nach dem WM-Gewinn denn überhaupt noch Motivation ziehe, kam für Löw etwas überraschend. „So lange die Motivation aus meinem Inneren herauskommt, habe ich Spaß an dieser Aufgabe“, sagte der 54-Jährige, der damit alle Zweifel zerstreut wissen wollte. Bei ihm sei die Motivation gut 50 Tage nach dem Triumph wieder vollends hochgefahren. Wenn sie nicht mehr in ihm aufstiege, würde er sofort „zumindest diesen Job“ beenden.

Wenn die deutsche Nationalmannschaft heute in Dortmund auf Schottland trifft (20.45 Uhr, live bei RTL), dann beginnt auch für Löw die nächste, eine neue Reise, wie er am Samstag sagte. An deren Ende soll im Sommer 2016 Paris erreicht werden, der Ort, an dem der Titel der Europameisterschaft ausgespielt wird. Für den Weltmeister von Rio könne es trotz der Rücktritte dreier Leistungsträger (Lahm, Klose und Mertesacker) keine andere Zielstellung geben. Dafür aber müssten die Helden von Maracana das Tal der Qualifikation meistern. Was allem Anschein nach leicht aussieht, könnte dann doch zu einer Frage des Willens werden.

„Unsere Gruppe ist ziemlich schwierig“, sagte André Schürrle. An Gibraltar wird der Flügelstürmer des FC Chelsea dabei weniger gedacht haben. Das Team des britischen Überseegebietes am Südzipfel der iberischen Halbinsel, das erstmals überhaupt an einer EM-Qualifikation teilnimmt und in die deutsche Gruppe gelost worden war, gilt im kontinentalen Fußball als exotischstes Gebilde von überschaubarer Widerspenstigkeit. Vielmehr dürften Irland und Schottland unangenehm werden, wie Schürrle sagte. „Und mit unserem Nachbarn Polen haben wir auch so unsere Erfahrungen gemacht.“

Wiedersehen in Düsseldorf: Deutschland - Argentinien
Es war kein schöner Tag für den Ersatz-Kapitän Manuel Neuer. Zwei Argentinische Tore musste er sich gefallen lassen.Weitere Bilder anzeigen
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03.09.2014 22:41Es war kein schöner Tag für den Ersatz-Kapitän Manuel Neuer. Zwei Argentinische Tore musste er sich gefallen lassen.

Auch Löw warnt seine Spieler vor den anstehenden Aufgaben. „Die Schotten werden sich mit allem, was sie haben, uns in den Weg stellen“, sagte der Bundestrainer und benannte gleich die Qualitätsmerkmale des Gegners: „Hohe Motivation und großes Engagement, hohe Laufbereitschaft und große Körperlichkeit.“ Insofern sei er froh, dass Jerome Boateng wieder einsatzfähig ist. Der Weltmeister vom FC Bayern wird neben Schalkes Benedikt Höwedes die Innenverteidigung bilden.

Denn auch im schottischen Fußball habe sich einiges getan in letzter Zeit. „Sie versuchen Fußball zu spielen“, sagte Löw. Was sich zunächst etwas despektierlich anhörte, wollte der Bundestrainer als Kompliment verstanden wissen. Schottland würde eben nicht mehr nur mit hohen und langen Bällen operieren und dann auf den lieben Gott hoffen, sondern versuchen, mit schnellem und flachem Passspiel dem Gegner zuzusetzen. „Sie haben gegen die WM-Teilnehmer USA und Nigeria jeweils unentschieden gespielt und Kroatien zweimal geschlagen“, sagte Löw.

Durm und Großkreutz wirkten beim 2:4 gegen Argentinien überfordert

Doch am Ende sollten es weniger die Gegner sein, die der deutschen Mannschaft den Weg zur EM-Endrunde in Frankreich verstellen könnten. „Wenn wir unsere Qualitäten ausspielen, dann hat es jede Mannschaft der Welt schwer gegen uns, dann werden wir uns auch in dieser Gruppe durchsetzen. Unser Ziel ist Platz eins“, sagte Schürrle. Doch da müsse die Mannschaft auch erst wieder hinkommen, wie es Löw sagte. Sein Team werde noch Wochen und Monate mit Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Denn nicht alle WM-Spieler hätten die Belastungen des Turniers in Brasilien gleich gut weggesteckt. In Sami Khedira, Bastian Schweinsteiger, Mesut Özil und Mats Hummels fallen derzeit gleich vier Stammspieler verletzungsbedingt aus. „Es wird einige Umstellungen in der Mannschaft geben, wir werden nicht mit einem eingespielten Team durch die Qualifikation laufen“, sagte Löw.

Gerade das jüngste 2:4 im Testspiel gegen Argentinien offenbarte die Defizite der Deutschen auf den beiden Außenpositionen der Abwehr. Die beiden Dortmunder Kevin Großkreutz (rechts) und Erik Durm (links) wirkten bisweilen überfordert gegen den Finalgegner. „Sie sind noch junge Spieler, die sehr veranlagt sind, aber auch noch einen großen Schritt gehen müssen, um das höchste Level zu erreichen“, sagte Löw. Der Bundestrainer hält das für einen ganz normalen Entwicklungsprozess. „Wir werden diese Spieler in den nächsten zwei Jahren bis zur EM begleiten und formen“, sagte Löw. Gerade ihm war es in den zurückliegenden Zyklen zwischen den Turnieren gelungen, immer wieder neue Spieler heranzuführen und zu integrieren.

Löw weiß natürlich, dass ein Großteil dieser Arbeit in den Klubs vollbracht wird. Auch deswegen möchte er die Spieler der nachrückenden Generation auf die nächste Reise der Nationalmannschaft mitnehmen und sie in ihrem Trainingsalltag besuchen, mit ihnen sprechen und arbeiten. „Wir werden das tun und wir machen es gern“, sagte Löw. Und wer dem Bundestrainer dabei zuhörte, der konnte eine Vorstellung davon bekommen, dass er gerade aus dieser Aufgabe einen Großteil seiner Motivation zieht.

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