Sport : Launen oder Lieben

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Okay, Sie denken also, Borussia Dortmund gehöre die Zukunft. Weil die Mannschaft so souverän in der heute schon längst vergangenen Saison aufgetreten ist, weil sie als jüngstes Team der Liga noch lange zusammen spielen kann und weil sie bislang „nur“ (man beachte die Anführungszeichen) auf Nuri Sahin verzichten muss. Und weil der große Konkurrent FC Bayern Probleme hatte.

Sie denken also, der FC Bayern habe Probleme. Weil der Rekordmeister plötzlich zwei Spiele zu Saisonbeginn bestreiten muss, in denen es für den Verein um fast alles, nämlich um den Einzug in die Champions League geht (und wenn die Bayern Pech haben, müssen sie sogar gegen einen Klub aus Spanien oder England antreten). Sie haben auch Probleme, weil die Spieler ihre Unzulänglichkeiten in der Abwehr fast eine komplette Saison lang hinter der Arroganz des Louis van Gaal verstecken konnten. Und weil in Jupp Heynckes ein Trainer kommt, der so überhaupt nicht zum ligaweiten Trend des jungen, emotionalen, motivationsstarken Trainer passt.

Sie denken also, der Trend in der Liga ginge zum jungen, emotionalen, motivationsstarken Trainer. Weil Jürgen Klopp in Dortmund sein Meisterstück abgeliefert hat und weil Holger Stanislawski zwar mit St. Pauli abgestiegen ist, ihm persönlich aber mit dem Wechsel zu Hoffenheim ein Aufstieg gelungen ist. Oder weil Thomas Tuchel den FSV Mainz 05 zu höheren Weihen geführt hat, nämlich in die Europa League. Hallo, ist das überhaupt überall angekommen? Mainz 05, der Verein, der jahrelang in der Zweiten Liga (und mit Jürgen Klopp an der Seitenlinie) verzweifelt um den Aufstieg gekämpft hat, genau dieser Klub spielt im kommenden Jahr in der Europa League. Und zwar nicht, weil er wie beim ersten Mal irgendeine Fair-Play-Wertung gewonnen hat, sondern weil Mainz fünftbester Klub der Liga geworden ist. Damit haben sie es dem bundesdeutschen Fußball-Establishment aber richtig gezeigt.

Sie glauben also, Mainz 05 habe es dem bundesdeutschen Fußball-Establishment richtig gezeigt. Weil der ehemalige Meister Wolfsburg fast bis in die letzten Minuten des letzten Spieltages zittern musste, um die Klasse zu halten. Weil der Meisterkandidat Schalke 04 fast eine ganze lange Saison in der unteren Tabellenhälfte zugebracht hat und am Ende nur auf Platz 14 eingekommen ist. Und weil Werder Bremen so schlecht spielte, dass der Klub ernsthaft darüber nachdachte, ob es nicht besser wäre, das Trainerdenkmal Thomas Schaaf vom Sockel zu stürzen. Doch der Stoiker darf weitermachen und muss nun zeigen, dass sich Werder Bremen nur versehentlich zu den Abstiegskandidaten weit hinter Mainz 05 verirrt hat.

Ob das alles auch längerfristig stimmt, die Fußball-Bundesliga also neue Lieben entdeckt hat, oder ob das alles nur die Laune einer heute schon wieder längst vergangenen Saison war, wird die Spielzeit 2011/12 zeigen. Am 5. August geht es endlich los.

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