Lehren von London : Ein reiches Land sehnt sich nach Gold

Der deutsche Sport muss sich einigen Grundsatzfragen stellen. Was will er erreichen? Sind Medaillen an der Spitze wichtiger als Bewegung in der Breite? Und was soll das kosten?

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Vorgabe erfüllt. Der Berliner Robert Harting gewann mit dem Diskus in London eine von elf deutschen Goldmedaillen. Foto: dapd
Vorgabe erfüllt. Der Berliner Robert Harting gewann mit dem Diskus in London eine von elf deutschen Goldmedaillen. Foto: dapdFoto: dapd

Olympia,Förderung,Ziele,Geld,Schmid,Bach,BusemannDeutschland ist ein geteiltes Land. Zumindest für Harald Schmid. Der einstige Weltklasse-Hürdenläufer unterscheidet aber nicht zwischen Ost und West oder Arm und Reich, er teilt die Deutschen in Aktive und Inaktive. „Wir sind zwar auf der einen Seite ein sehr sportliches Volk“, sagt Schmid, „auf der anderen Seite hat aber auch eine große Bewegungsarmut Einzug gehalten, besonders bei Kindern und Jugendlichen.“ Und wenn man sich diese Gesellschaft vor Augen halte, „dann dürfen wir einfach nicht erwarten, dass wir im olympischen Medaillenspiegel ganz vorne liegen“.

Die Olympischen Spiele von London sind vor einer Woche zu Ende gegangen. Geblieben sind 44 Medaillen, Rang sechs, das Gerangel um Förderung, Ziele und Vorgaben und die Frage, was der Sport Deutschland gibt – und was Deutschland dem Sport.

Wenn Harald Schmid auf die Zukunft des deutschen Sports blickt, schaut er nicht nur nach ganz unten, in die Kindergärten und Schulen, in denen der Sport „eine untergeordnete Rolle spielt“ und wo die Inaktiven immer mehr werden. Er schaut auch nach ganz oben. Zu Thomas Bach, dem Präsidenten des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), früher mal ein Aktiver. Der hatte sich in London bemüht, die sogenannten Zielvereinbarungen über 86 Medaillen zu erklären, die der DOSB mit dem Bundesinnenministerium und den Sportverbänden getroffen hatte. „Ich habe ziemlich lachen müssen, als Bach zu dem Wirbel um die Zielvereinbarungen gesagt hat: Dann müssen wir das halt anders nennen“, sagt Schmid. „Aha, die Wortwahl war also schlecht – ein bürokratischer Schlenker. Das hat mir gezeigt: Da wird in bürokratischen Kategorien gedacht. Wenn man Weltspitzenleistungen erzielen will, muss man sich von dieser Art Denken lösen.“ Aber das ist gar nicht so einfach, denn niemand weiß so richtig, was er denn denken soll über die Deutschen und den Sport.

Selbst der oberste Sportler der Republik gerät da ins Schlingern. Bundesinnen- und -sportminister Hans-Peter Friedrich erklärte zwar, in Deutschland gebe es keinen Staatssport. Zumindest nicht mehr, seit mit dem Fall des Eisernen Vorhangs auch der deutsch-deutsche Bruderkampf als Antrieb weggefallen ist. Das wiedervereinigte Deutschland ist eine aufgeklärte Wirtschaftsnation, die sich nicht mit Medaillen profilieren muss. Andererseits ist der deutsche Staat mit mehr als 130 Millionen Euro der größte Finanzier des Spitzensports und vereinbart mit den Sportverbänden Medaillenziele. Denn nur Zuschauer sein, wenn andere um Gold kämpfen, das will auch Friedrich nicht.

„Die Frage ist: Welchen Sport wollen wir?“, sagt Schmid. „Wollen wir Sport um jeden Preis, Hauptsache, wir stehen vorne? Dann geraten wir sehr schnell in die Diskussion um Doping. Einer müsste mal sagen: Leute, so sieht unser Sport aus, damit leben wir und das vertreten wir.“ Weil das aber niemand so richtig kann oder will, fühlen sich die Sportler im Niemandsland zwischen Anspruch und Wirklichkeit alleingelassen. Das hat die Kritik vieler Athleten am deutschen Sportfördersystem noch während der Spiele gezeigt.

Für Frank Busemann sieht der deutsche Sport genau so aus, wie er sich in London gezeigt hat. „Sechster im Medaillenspiegel, das ist der Platz, auf dem wir uns wohl langfristig einpegeln werden“, sagt der olympische Silbermedaillengewinner im Zehnkampf von 1996. „Mehr ist nur mit großen Aufwendungen drin, das steht und fällt mit dem Geld.“ Weil andere Nationen erfolgreichen Sport durchaus als Staatsaufgabe begreifen, ist der Kampf um olympische Medaillen inzwischen so hart geworden, dass deutsche Sportler ganz vorn nur noch schwer mithalten können. „Die internationale Leistungsdichte ist auch bei den Amateuren inzwischen so hoch, dass man nur noch eine Chance hat, wenn man unter professionellen Bedingungen trainiert“, sagt Horst Melzer. Der frühere Olympiaschwimmtrainer hat in Essen unter anderem Mark Warnecke in die Weltspitze geführt. Er fordert: „Man muss sich neue Wege einfallen lassen, wie man olympische Amateursportarten fördert.“

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