• Leichtathletik-Historie: Sprinter Heinz Fütterer erinnert sich an sein Wunder von Bern

Leichtathletik-Historie : Sprinter Heinz Fütterer erinnert sich an sein Wunder von Bern

Sieben Wochen nach dem Triumph der deutschen Fußball-Nationalmannschaft bei der WM 1954 im Wankdorf-Stadion holte Sprinter Heinz Fütterer zwei Titel bei der Leichtathletik-EM.

Reinhard Sogl
Ein Mann, zwei Wunder. Sprinter Heinz Fütterer im Jahr 1954.
Ein Mann, zwei Wunder. Sprinter Heinz Fütterer im Jahr 1954.Foto: Imago

Es war das zweite Wunder von Bern. Sieben Wochen nach dem Triumph der deutschen Fußball-Nationalmannschaft bei der WM 1954 im Wankdorf-Stadion traf sich Europas Jugend vom 25. bis 29. August zu den Leichtathletik-Titelkämpfen im Neufeld-Stadion in Bern. Erstmals nach dem Krieg durften wieder deutsche Athleten teilnehmen an der Europameisterschaft, bei der Heinz Fütterer ein erstaunlicher Triumph gelang: Der Sprinter vom Karlsruher SC siegte über 100 und 200 Meter.

22 Jahre alt war Fütterer damals. Er gewann als einziger Teilnehmer zwei Titel – und Sympathien für das neun Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges mit Argwohn beäugte Deutschland. „Aufgrund meines Auftretens und meiner Siege ist da schon Eis gebrochen“, erzählt der rüstige Rentner 60 Jahre später. Fütterer, der die Rückkehr des deutschen Sports auf die internationale Bühne bei den Olympischen Spielen 1952 wegen eines Muskelrisses verpasst hatte, erfüllte zunächst über 100 Meter in der Siegerzeit von 10,5 Sekunden seine Favoritenrolle. Über die doppelte Distanz am Schlusstag am 29. August 1954 galt das Rennen gegen den russischen 400-Meter-Sieger Ardaljon Ignatjew als völlig offen. „Ich wusste, ich brauche aus der Kurve heraus drei Meter Vorsprung. Davon habe ich bis ins Ziel fast nichts abgegeben. Es war ein tolles Rennen von mir: 20,9 Sekunden, Europarekord eingestellt“, sagt Fütterer.

Nach seinem Titel über 200 Meter wurde er des Schwarzfahrens bezichtigt

Der historische Tag endete aus einem anderen Grund aufregend. Weil sein Trainer schon die Heimreise angetreten hatte, musste Fütterer die Straßenbahn nehmen zur Rückfahrt ins Hotel Bären. Allerdings hatte er kein Geld dabei für ein Billet, weshalb ihn die Kontrolleurin des Schwarzfahrens bezichtigte. Erst als Fütterer die Goldmedaille hervorkramte, glaubte sie ihm, dass er EM-Teilnehmer war. „Dann war es okay“, erzählt der 82-Jährige amüsiert.

Fütterer wohnt noch im Dorf Illingen bei Rastatt. Es ist wie eine Geschichtsstunde, wenn der Sohn eines Rheinfischers von seinen Erlebnissen berichtet. Vor Bern bezog die Läufergruppe von Fütterer ein viertägiges Trainingslager in Freiburg – in einem Kloster von Ordensfrauen. „Es war eine völlig andere Zeit. Wir haben für Bern einen Trainingsanzug, eine Sporthose, ein Trikot und eine Regenjacke bekommen. Nur die Jacke durften wir behalten“, erinnert sich Fütterer. Die Regenjacke konnten sie gut gebrauchen, das Wetter war schlecht in der Schweiz.

Fütterer gewann in seiner Karriere 536 Rennen, 150 allein im Jahr 1954

Fütterer gewann in seiner Karriere 536 Rennen, 150 allein im Jahr 1954, in dem er unbesiegt blieb. Wegen seiner Erfolge, seiner Rekorde und seines Auftretens wurde er zu Deutschlands Sportler des Jahres gewählt, mit großem Vorsprung auf Fußballweltmeister Fritz Walter, was dem Fußballfan unangenehm war. „Da habe ich mich geschämt, mich quasi bei Fritz entschuldigt“, sagt der Mann, dem aufgrund von Verletzungspech nur ein großer Erfolg bei Olympia fehlt. Mit der Staffel gewann er 1956 in Melbourne Bronze.

In Bern war Fütterer eine dritte Medaille verwehrt geblieben. Die Staffel wurde disqualifiziert, weil ein 16 Jahre alter Kampfrichter irrtümlich und von einem russischen Funktionär beeinflusst die rote Fahne wegen angeblichen Überlaufens der Wechselzone gehoben hatte. Ein Protest half nichts. „Wir hatten den Krieg verloren, die Kommission hat gegen uns entschieden“, sagt Fütterer, dem der Lauf im Quartett auch heute noch am Herzen liegt. Er freut sich über die Renaissance der deutschen Sprinter und gibt zu: „Von der Staffel verspreche ich mir in Zürich am meisten.“

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