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Leichtathletik-Präsident im Zwielicht : Sebastian Coe: Vom Retter zur Problemfigur

Sebastian Coe sollte die Welt-Leichtathletik wieder zum Strahlen bringen. Jetzt verheddert er sich in Interessenkonflikten. Ein Kommentar

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Wem fühlt er sich verantwortlich? Sebastian Coe hat viele Interessen.
Wem fühlt er sich verantwortlich? Sebastian Coe hat viele Interessen.Foto: dpa

Ein Retter für die vom Doping gezeichnete Welt-Leichtathletik war gesucht worden, und wer hätte diese Aufgabe besser erfüllen sollen als er? Sebastian Coe ist einer, dem man gerne zuhört, nicht nur wegen der sonoren Art, mit der er Englisch spricht. Er verkündet gerne große Botschaften. So hat er schon das Internationale Olympische Komitee davon überzeugen können, Olympia 2012 in seine Heimatstadt London zu vergeben. Es gehe darum, eine ganze Generation für Sport zu begeistern. So hat er auch die Mitglieder des Internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF) dafür gewonnen, ihm die Zukunft der Sportart anzuvertrauen. Und nun? Muss der Retter schon kurz nach dem Start kämpfen, um nicht aus dem Tritt zu geraten und zu stolpern.

Der zweifache Lauf-Olympiasieger auf der Mittelstrecke ist selbst in den Verdacht geraten, nicht besser zu sein als jene, vor denen er die Leichtathletik schützen sollte. Bis Donnerstag war er vertraglich an den Sportartikelgiganten Nike gebunden. Diese Verbindung hat der 59-Jährige nicht als Vizepräsident der IAAF gelöst und auch nicht nicht nach seiner Wahl zum Präsidenten im August. Erst als der Druck immer größer wurde, reagierte er. Am Donnerstagabend teilte der Brite nach einer IAAF-Councilsitzung mit, dass er seine langjährige Tätigkeit als Berater bei Nike beenden werde. „Ich bin von meiner Botschafter-Funktion mit Nike zurückgetreten“, erklärte der 59-Jährige auf einer Pressekonferenz. „Der gegenwärtige Geräuschpegel wegen dieser Rolle ist nicht gut für die IAAF und nicht gut für Nike.“

Der mit gut 140 000 Euro im Jahr dotierte Vertrag als Nike-Repräsentant hatte Coe in einen Interessenkonflikt gestürzt.

Die IAAF hatte die Weltmeisterschaften 2021 nach Eugene im US-Bundesstaat Oregon vergeben, der Heimat von Nike. Ohne ein Bewerbungsverfahren, wie es sonst üblich gewesen wäre. 2021 feiert Nike sein 50-jähriges Bestehen. Coe soll vor der Abstimmung Lobbyarbeit für Eugene betrieben haben. Er selbst weist Vorwürfe zurück, er habe sich unkorrekt verhalten. Aber nicht nur der Gegenkandidat Göteborg wundert sich darüber, wie die Entscheidung für Eugene zustande kam.

Eigentlich sollte Coe die Leichtathletik wieder zum Strahlen bringen, nachdem sie sein Vorgänger Lamine Diack in den Schatten geführt hatte. Diack ist derzeit in Frankreich der Korruption und Geldwäsche angeklagt. Gedopte russische Athleten sollen sich bei ihm freigekauft haben, so lautet der Vorwurf. Bislang hat Coe es nicht geschafft, öffentlich mit Diack und seinen Machenschaften zu brechen.

Wer weiß, was Coe seiner Sportart überhaupt noch Gutes tun kann. Entscheidungsschwäche ist keine Führungsqualität. Es war jedenfalls lange nicht zu erkennen, wem er sich zuerst verpflichtet fühlt, der Leichtathletik, Nike oder eigentlich nur sich selbst.

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