Live von der Insel - Die Fußball-Kolumne über England : Liverpools Revolution im Kopf

England ist auf Institutionen und Gewissheiten gebaut. So ist es auch schon immer im Fußball gewesen. Doch dass Liverpool nun wieder oben mitspielt, erschüttert die Premier League in ihren Grundfesten.

von
Die roten Massen. Liverpool ist wieder oben.
Die roten Massen. Liverpool ist wieder oben.Foto: reuters

Als Engländer wurde ich zum Glauben an gute, solide englische Institutionen erzogen. Die Monarchie, die BBC, Selbsttäuschung. Es gibt ja nichts Schöneres als eine gute Tasse englischer Selbsttäuschung, gezogen über ein Dutzend glorreicher Kriege, die wir selbstständig und mit nichts außer unseren bloßen Händen und unserem Bulldoggengeist gewonnen haben. Es schmeckt nach den Tränen von Churchill selbst, obwohl Churchill nie geweint hat. Er war, wie wir alle wissen, ein Roboter. 

Ich hole aus. Meine Lieblingsinstitution war immer "Match of the Day" (MOTD): die Fußball-Highlight-Sendung der BBC. Statt sportlicher Analyse bietet diese Sendung warme Gewöhnlichkeiten. Hier ist das wie immer unheimlich orange Gesicht von Gary Lineker; da ist eine Video-Montage von Sam Allardyce, während er seinen Kaugummi kaut; und endlich ist da natürlich auch die völlig sinnfreie Taktikbesprechung am Bildschirm mit all den hübschen Strichen und Kreisen. God Save The Ruddy Queen.

Neben Lineker sitzt Alan Hansen. Der Schotte (wir lassen sie manchmal über die Grenze) ist ein bemerkenswerter Experte. Einst sagte er über Alex Ferguson, der werde nichts mit jungen Spielern gewinnen. Zudem ist er eine Klischeemaschine. Hansen sitzt seit so langer Zeit auf der MOTD-Couch, dass er gar nicht mehr analysieren könnte, auch wenn er das wollte. Stattdessen blafft er sinnlose Schlagworte ins Mikrofon. "Schnelligkeit! Konstanz! Entschlossenheit!". Im Vergleich zu den rhetorischen Fähigkeiten von Lineker und Hansen ist das ZDF-Duo Katrin Müller-Hohenstein und Oliver Kahn der Karl und der Friedrich des modernen Fußballs. 

Am vergangenen Samstag war ich dann aber ziemlich überrascht, als es plötzlich eine richtige Debatte bei "Match of the Day" gab. Hansen war davon überzeugt, dass Robin van Persie und Wayne Rooney von Manchester United das beste Stürmerduo der Liga seien. Sein Kollege Robbie Savage argumentierte vernünftig, dass Daniel Sturridge und Luis Suarez derzeit bei Liverpool in besserer Form wären. 

Es folgte ein kurioser Streit, wobei Hansen erstmals seinen Kollegen sarkastisch beschimpfte, und später doch meinte, dass Suarez der beste Stürmer der Liga sei. Nach dieser Selbstkontradiktion merkte ich, dass die Sendung doch noch so banal wie immer war, und schaltete den Fernseher zufrieden aus, um meine Bulldogge Winston zu füttern. 

Savage hatte natürlich recht. In den ersten neun Ligaspielen sind Sturridge und Suarez viel gefährlicher als van Persie und Rooney gewesen. Man muss kein Genie sein, um das zu merken – Savage dient dafür als gutes Beispiel. Liverpool steht auf dem dritten platz, United ist Achter. Sturridge und Suarez haben zusammen vierzehn Tore geschossen, die United-Stürmer nur neun. Von der reinen Form her ist das Liverpool-Duo ganz weit vorne. 

Doch eine gute Form währt nicht für immer. Wenn die Grundregel der Premier League weiterhin ihre Gültigkeit besitzt, wird Liverpool irgendwann von United überholt werden. Die normale Balance der Dinge wird sich einpendeln, Darth Vaders Seele wird gerettet etc. etc. 

Diese Saison scheint jedoch nicht ganz so vorhersehbar zu sein. Seit dem Rücktritt von Ferguson herrscht eine fast revolutionäre Stimmung in der englischen Liga. Arsenal hat einen Weltstar, United hat keine Siegermentalität mehr, und Liverpool hat zwei talentierte Stürmer. Vorher durfte der Verein nur einen pro Saison haben: Owen, Torres und zuletzt Suarez waren immer die einzigen großen Spieler in einem mittelmäßigen Team. 

Mit Sturridge neben Suarez hat die Mannschaft jetzt ein Sturmduo, welches perfekt und torgefährlich zusammenarbeitet. Sie sind wie Salz und Pfeffer oder Fish and Chips. Suarez fightet, beißt und macht in jedem dritten Spiel etwas Wundervolles, Sturridge findet sich immer wieder in der richtigen Position und trifft immer wieder ins Tor

.

Viel davon liegt an den Fähigkeiten des Trainers Brendan Rodgers. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern ist Rodgers ein Mann mit einem System, einer Vorliebe für schönen Fußball und das Talent, eine noch nicht voll ausgereifte Mannschaft spannenden Fußball spielen zu lassen. 

Wenn der aktuelle Trend weitergeht – und das ist immer noch fraglich – könnte eine weitere große englische Institution noch fallen. Seit zwei Jahrzehnten hat United Liverpool dominiert. Seit zwei Jahrzehnten hat Liverpool die englische Selbsttäuschung verkörpert, als es störrisch an den eigenen Klubmythos glaubte. Wenn diese Mannschaft weiterhin besser als United spielt, wird sich England zum ersten Mal seit Fergusons Ankunft in die Ungewissheit stürzen. Gott sei dank, dass Cricket bald wieder los geht... 

Kit Holden (@kitholden) ist Engländer und arbeitet derzeit als Praktikant beim Tagesspiegel. Er schreibt auch über deutschen Fußball für die englische Tageszeitung "The Independent".

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar