Ludger Beerbaum : „Totilas ist ein ganz normales Pferd“

Zur Rückkehr von Totilas: Ludger Beerbaum hält das vermeintliche "Wunderpferd" für überschätzt. Warum, erklärte er 2012 in diesem Interview.

Tim Röhn
Nur ein Teil des vermeintlichen Wunders in Deutschland? Totilas und der deutsche Reiter Matthias Alexander Rath.
Nur ein Teil des vermeintlichen Wunders in Deutschland? Totilas und der deutsche Reiter Matthias Alexander Rath.Foto: dpa

Herr Beerbaum, Ihr Traum von der siebten Olympia-Teilnahme ist vorerst geplatzt. Wie groß ist die Enttäuschung?

 Den Gedanken, dass es nicht klappen könnte, hatte ich schon seit einigen Wochen. Das am Dienstag war nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat.

 

Aber Sie haben vor dem CHIO doch selbst noch an Ihre Chance geglaubt.

 Im Umfeld haben vor dem CHIO alle gesagt, dass Olympia ohne mich nicht vorstellbar wäre. Ein Beerbaum gehört halt irgendwie dazu. Aber mit der Realität hatte das nicht viel zu tun. Es ist einfach so, dass ich derzeit nicht mit der nötigen Sicherheit und Akkuratesse unterwegs bin.

 Was sind die Gründe?

 Zu glauben, dass ich unsere Schwächen in den Griff bekomme und konstant auf hohem Niveau reiten kann, war eine Illusion. Es gab Highlights wie bei der EM im Vorjahr, aber seitdem fehlt schlichtweg die Konstanz.

 Woran liegt das?

 Bei aller Qualität der Stute ist es auch die Mentalität, die Courage und der Charakter, die ihr fehlen.

 Wann war Ihnen klar, dass es mit Olympia nichts wird?

 Beerbaum: Nach meinem vermurksten Einlaufspringen ist mir endgültig bewusst geworden, dass ich in dieser Form in London nichts zu suchen habe. Aber das Leben geht weiter, und die Spiele finden auch ohne mich statt. Außerdem ist in vier Jahren ja schon wieder Olympia, das ist jetzt mein Ziel.

 Das hört sich nach einer Trotzreaktion an.

 Es ist sicher auch ein bisschen Trotz dabei. Aber primär ist es die Tatsache, dass ich mich hinsichtlich Reiterei und Stallmanagement auch in der jüngeren Vergangenheit noch weiter verbessert habe. Ich denke auch nicht, dass ich auf dem absteigenden Ast bin. Ich bin fit wie nie zuvor, ich denke, dass ich es auch bei Olympia noch hinbekommen kann.

 Neben Ihnen fällt auch Carsten-Otto Nagel für Olympia aus. Welche Chancen hat die deutsche Mannschaft?

 Es kommt auf die Tagesform an. Wenn alles gut läuft, ist Gold drin.

 In der Dressur droht der Ausfall von Matthias Rath und Totilas. Wie wichtig ist der als „Wunderpferd“ gefeierte Rappe für das deutsche Team?

 Totilas ist kein Wunderpferd. Er ist ein ganz normales Pferd. Das Wunder war in Holland.

Wie meinen Sie das?

Unter Edward Gal (vorheriger Totilas-Reiter, Anmerkung der Redaktion) war das eine perfekte Symbiose aus Pferd und Reiter. Jetzt ist nur ein Teil des vermeintlichen Wunders in Deutschland.

 

Wie bewerten Sie den Hype um Totilas?

 Ehrlich gesagt ist das komplette Effekthascherei. Da sollte erst einmal sportliche Leistung kommen, danach kann man über Favoritenrollen sprechen. Aber die sportliche Leistung sehe ich im Moment nicht. Nur weil Totilas teuer war, wird soviel über ihn gesprochen, nicht wegen der Performance von Pferd und Reiter.

 

Es gab diesen Hype aber doch schon, als Totilas noch in den Niederlanden war.

Ja, aber damals war das wegen der Performance so. Heute gibt es diesen Hype nur noch, weil das Pferd so teuer war.

 

Dennoch scheint das öffentliche Interesse an Ihrem Sport gestiegen zu sein. Ist das nicht positiv?

Woran soll man dieses Interesse messen? Daran, dass Totilas jetzt ständig in Boulevardzeitungen ist? An TV-Einschaltquoten? Ich habe nicht gesehen, dass sich jetzt mehr Leute für unseren Sport begeistern. Die Leute interessiert nur das Schicksal von Totilas: Scheitert er oder scheitert er nicht?

 

Es gab von Anfang an einen großen Wirbel um das Duo Rath/Totilas. Hätte man das überhaupt verhindern können?

Man hätte die ganze Sache anders angehen müssen. Ich hätte so ein Pferd vielleicht auch gekauft oder kaufen lassen, weil ich das Geld nicht habe (lacht). Aber dann hätte ich den Ball flach gehalten und nicht mit irgendwelchen PR-Nummern aufgewartet.

Was hätten Sie anders gemacht?

 Ich hätte gewartet, bis ich meine Piaffen und Passagen hinbekomme, und dann hätte ich vielleicht mal über das Drucken von Totilas-Shirts nachgedacht.

 

Wie belastend ist es für den Reiter, wenn der Druck so groß ist?

 Es gibt da zwei Überlegungen: Halten die Besitzer den Druck wirtschaftlich aus? Ja, natürlich. Die könnten es sich sogar finanziell leisten, das Pferd morgen auf den Grill zu legen und aufzuessen. Zweitens: Halten sie das mental aus? Das weiß ich nicht. Aber da kann ich auch kein Mitleid haben, denn das haben sie sich selbst eingebrockt.

 

Kann Totilas an alte Erfolge anknüpfen?

 Das wird ganz schwer. Wenn Totilas von den ganz großen Experten mit dem größten Talent und der größten Abgeklärtheit geritten wird, vielleicht. Isabell Werth oder Anky van Grunsven, die würden das vielleicht schaffen. Aber nur die.

 

Ludger Beerbaum, 48, ist einer der erfolgreichsten deutschen Springreiter. Bei sechs Olympia-Teilnahmen gewann er vier Goldmedaillen, die Spiele in London wird Beerbaum aber verpassen. Das Gespräch führte Tim Röhn.

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