Sport : Macht und Spiele

Er ließ Olympia wachsen und verlor darüber die Kontrolle: Zum Tod des langjährigen IOC-Präsidenten Juan Antonio Samaranch

von und Herbert Fischer-Solms
Die Spiele in seiner Heimatstadt Barcelona zählten zu den Höhepunkten seiner langen Karriere.
Die Spiele in seiner Heimatstadt Barcelona zählten zu den Höhepunkten seiner langen Karriere.Foto: dpa

Drei Herrscher hat die olympische Bewegung, so erzählte man sich früher: Juan Antonio Samaranch, Horst Dassler und den lieben Gott – nur weiß niemand, wer an erster Stelle steht.

Nicht übertrieben ist dafür, was Jacques Rogge jetzt gesagt hat, Samaranchs Nachfolger als Präsident des Internationalen Olympischen Komitees: Samaranch sei „der Mann, der die Olympischen Spiele der Moderne aufgebaut hat“. Mit Samaranchs 21 Jahre dauernder Amtszeit sind die beiden Seiten der olympischen Medaille verbunden: Größe und Gigantismus, Zusammenhalt und Korruption, Leistung und Doping. Am Mittwoch ist er im Alter von 89 Jahren in seiner Heimatstadt Barcelona an Herzversagen gestorben.

Wenig hatte darauf hingedeutet, dass gerade er die Olympischen Spiele derart verändern würde, ein kleiner, unscheinbarer Mann. Als 1980 in Moskau die Wahl zum Präsidenten des IOC anstand, galt zunächst ein anderer als Favorit: Willi Daume, der Präsident des deutschen Olympischen Komitees. Doch seine Chancen waren durch den Olympiaboykott geschwunden. So wählte das IOC einen Mann an die Spitze, für den es einige Zeit später sogar die Altersgrenze von 75 auf 80 Jahre anheben sollte.

Das schwache IOC bekam einen starken Präsidenten. Zwei Boykotte hatten die Spiele gerade zu verkraften: 1976 durch einige afrikanische Länder, 1980 durch westliche, und die Revanche des Ostblocks im Sommer 1984 in Los Angeles zeichnete sich schon ab. Samaranch begann nun mit einem politischen und wirtschaftlichen Krafttraining für das IOC.

Eigene Fähigkeiten brachte er ausreichend mit, bis 1980 war Samaranch Botschafter Spaniens in Moskau, davor hatte er verschiedene politische Ämter inne, unter anderem an der Spitze der spanischen Sportbehörde – zur Zeit des faschistischen Franco-Regimes. Fragen nach seiner Nähe zur Diktatur beantwortete er gerne mit: „I’m very proud of my past.“

Im IOC stellte sich nach 1980 schnell heraus, dass hier der Olympiasieger des Netzwerkens präsidierte. Samaranch band Funktionäre ein, er holte die Präsidenten der großen Sportverbände ebenso als Mitglieder ins IOC wie die der wichtigen Nationalen Olympischen Komitees. Er schuf viele Kommissionen und gab so auch Widersachern das Gefühl, beteiligt zu sein. Alle reisten durch die Welt und waren zufrieden. Auch Daume, der ihn intern kritisierte, trug seine Entscheidungen mit.

Die erste Revolution von oben führte Samaranch nur ein Jahr nach seiner Wahl durch. Er kippte beim Kongress in Baden-Baden den Amateurparagraf. Es war der Bund der olympischen Bewegung mit dem Profisport und die Voraussetzung für die beinahe unbegrenzte Kommerzialisierung der Olympischen Spiele.

Der stärkste Verbündete Samaranchs war Horst Dassler, der Chef von Adidas. Mit ihm und der von Dassler gegründeten Firma ISL begann Samaranch, die olympischen Ringe zu vermarkten und sich dadurch unabhängiger zu machen von den Fernseheinnahmen einzelner Großmärkte wie den USA. Unter Samaranch nahm das IOC Milliarden Dollar mit Fernseh- und Vermarktungsrechten ein.

Das IOC öffnete Samaranch für Frauen, die Spiele und die Organisation dahinter wurden global. Es herrschten nicht mehr allein europäische Sportfunktionäre, vor allem Briten, sondern nun auch Lateinamerikaner und Asiaten. In seinem IOC fühlte sich Samaranch so wohl, dass er von der „olympischen Familie“ schwärmte. Er führte den olympischen Komparativ ein: „We are stronger than ever.“ Und den olympischen Superlativ, den er regelmäßig bei der Schlussfeier von Olympischen Spielen ausrief: „The best games ever.“

Über das Wachstum der Spiele und des IOC verlor Samaranch jedoch allmählich die Kontrolle. Er behauptete zwar, Doping bekämpfen zu wollen. Doch bis heute hält sich das Gerücht, dass nicht einmal der Dopingfall des kanadischen Sprint-Olympiasiegers Ben Johnson bekannt geworden wäre, wenn sich nicht eine Mitarbeiterin des Kontrolllabors verplappert hätte. Erst der Druck von Regierungen wie der Frankreichs nach dem Festina-Skandal 1998 bei der Tour de France führten zu verstärkter Dopingbekämpfung und der Gründung der Welt-Anti-Doping-Agentur. Auch das System des Geben und Nehmens hatte längst kriminelle Züge angenommen. Gipfel dessen war 1998 der Bestechungsskandal um die Winterspiele in Salt Lake City. Samaranch wollte sich nun an die Spitze der Reformer setzen, doch diesmal verweigerte ihm das IOC die Gefolgschaft und bestimmte den Kanadier Richard Pound zum obersten Aufklärer.

Auch nachdem ihn der Belgier Rogge 2001 beerbt hatte, arbeitete Samaranch jedoch hinter den Kulissen weiter, etwa für Sotschis Bewerbung um die Winterspiele 2014. Direkt nach dem Zuschlag kniete sich der russische Bewerbungschef vor Samaranch hin und küsste ihm die Hände.

Sport war für Samaranch kein Spaß. Lachen sah man ihn nie, allenfalls lächeln. Er konnte hart zu sich sein. Auf Reisen soll er eine Stange mitgenommen haben, die er am Türrahmen befestigte, um daran Klimmzüge zu machen. Als seine Frau während der Sommerspiele 2000 in Sydney starb, flog er in seine Heimat und kurz darauf zurück zu den Spielen.

Neben dem Olympismus galt seine Leidenschaft Briefmarken. Seine Sammlung soll eine der wertvollsten der Welt sein. Als sich das im Sport herumsprach, fanden bei Weltmeisterschaften auf einmal Briefmarkenausstellungen statt. Noch am vergangenen Samstag war Samaranch bei einer Briefmarkenausstellung im Olympiamuseum in Köln erwartet worden.

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