Magische Momente der Leichtathletik : Ben Johnson: Ein Held läuft in die Falle

Um Ben Johnsons Dopingfall bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul ranken sich immer noch Gerüchte und Verschwörungstheorien. Der Fall hat den Sport geprägt – verändert hat er ihn nicht.

Friedhard Teuffel
20 Jahre nach Ben-Johnson-Skandal
Fingerzeig. Ben Johnson ist gleich am Ziel, die anderen brauchen noch etwas länger.Foto: dpa

Am Samstag beginnen die Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Berlin. Bis dahin widmen wir uns in unserer Serie den besonderen Momenten der Leichtathletik. Heute Teil vier: Ben Johnsons vermeintlicher Olympiasieg 1988 in Seoul.



Eine Suite im Shilla-Hotel von Seoul, September 1988. Juan Antonio Samaranch, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, hat Gäste eingeladen, Sponsoren, Funktionäre. Die Stimmung ist angespannt und Samaranch völlig aufgebracht. Als sein Stellvertreter Richard Pound kommt, stürzt Samaranch auf ihn zu: „Hast du gehört? Es ist furchtbar.“ Pound fragt: „Ist jemand gestorben?“ Samaranch erwidert: „Schlimmer. Ben Johnson ist positiv getestet.“

Einen größeren Skandal haben die Olympischen Spiele noch nicht erlebt – der Sieger des spektakulärsten Wettbewerbs ist als Betrüger überführt. Es ist eine Geschichte, die von Tempo handelt, von Heldentum, Demütigung, Verschwörung. Die Vorgeschichte dazu beginnt 1984. Carl Lewis gewinnt bei den Spielen in Los Angeles vier Goldmedaillen, er wird ein Superstar. Im Rennen über 100 Meter holt ein 22 Jahre alter Kanadier Bronze: Ben Johnson.

In den folgenden Jahren legt Johnson immer mehr zu, an Geschwindigkeit und an Muskelmasse. „Die Veränderungen waren deutlich zu erkennen. Aber es gab keinen positiven Dopingtest“, sagt Pound.

"Big Ben" gegen "King Carl"

Der Kanadier Pound, heute 67 Jahre alt, war damals noch ein Sportfunktionär wie viele andere, Vizepräsident des IOC, Mitglied der Exekutive in Kanadas olympischem Komitee. Heute sieht er Sport aus einer anderen Perspektive, von 2001 bis 2007 war Pound Präsident der Welt-Anti-Doping-Agentur. Der Fall Johnson hat auch ihm vor Augen geführt, wie schnell ein Held fallen kann und wie verführbar der Sport ist.

Ein Jahr nach den Spielen von Los Angeles gewinnt Johnson zum ersten Mal gegen Lewis. Auch bei der WM in Rom 1987 besiegt er ihn und stellt mit 9,83 Sekunden einen neuen Weltrekord auf. Die Bühne ist bereitet für ein Jahrhundertduell in Seoul, „Big Ben“ gegen „King Carl“.

Die Sympathien liegen auch auf Seiten von Johnson. Eine Aufstiegsgeschichte könnte glücklich ausgehen. Seine Familie wandert von Jamaika nach Kanada aus als Johnson 13 ist, im Gepäck die Hoffnung auf ein besseres Leben. Sein Vater findet keine Arbeit und kehrt wieder um, seine Mutter arbeitet als Küchenhilfe in einem Flughafenrestaurant.

Ein Bild wird zur Legende

Als in Seoul der Startschuss fällt am 24. September läuft das Rennen auf den ersten Metern wie erwartet. Johnson, bekannt für seinen schnellen Start, liegt vorne, Lewis, bekannt für sein starkes Finish, folgt mit Abstand. Nach der Hälfte des Rennens traut Pound seinen Augen nicht: „Das gibt’s nicht, habe ich gedacht, Lewis holt nicht auf.“ Johnson stürmt Richtung Ziel, und noch bevor er seinen muskelbepackten Körper über die Linie wirft und die Uhr bei der Weltrekordzeit von 9,79 Sekunden stehen bleibt, reißt er seinen rechten Arm nach oben. Das Bild wird zur Legende.

Carl Lewis erreicht zwar seine persönliche Bestleistung 9,92 Sekunden. „Aber wenn ich mir heute sein Gesicht nochmal anschaue, lese ich darin: Ich kann nicht schneller laufen“, sagt Pound.

Am nächsten Tag schiebt jemand um zwei Uhr früh einen Briefumschlag unter der Tür der kanadischen Delegationsleitung durch. Inhalt: Ein kanadischer Athlet ist positiv getestet worden. Allmählich sickert durch, dass es nicht irgendeiner ist, sondern Ben Johnson. Samaranch weiß es bald, aber noch hat es nicht die Runde gemacht. Pound wird von Amerikanerinnen angesprochen. „Sie haben sich bedankt, dass unser Johnson gegen den arroganten Lewis gewonnen hat.“ Pound lässt ihnen diesen Glauben noch. In seinem Hotelzimmer treffen sich einige Kanadier, auch ein Trainer Johnsons. Inzwischen ist auch die Substanz bekannt, die bei Johnson gefunden wurde: Stanozolol, ein Anabolikum, das beim Muskelwachstum hilft. „Zweifeln wir die wissenschaftliche Analyse an? Zweifeln wir das Zustandekommen der Prozedur an?“, fragt Pound in die Runde. Dann sagt er: „Wenn das Labor etwas gefunden hat, dann ist es da.“

"Warum soll ich mir den Arsch aufreißen?"

Johnson selbst bekommt auch Pound in Seoul nicht mehr zu Gesicht. Er reist überstürzt ab, seine Goldmedaille hat er davor abgeben müssen. Später wird erst sein Trainer Charlie Francis und dann auch Johnson zugeben, seit 1982 gedopt zu haben. Sein WM-Titel von 1987 und der Weltrekord werden ihm ebenfalls aberkannt. In einem Interview hat Johnson dazu gesagt: „Ich war kein Wissenschaftler, sondern nur ein Bursche, der lief. Aber dann dachte ich: Warum soll ich mir den Arsch aufreißen, und diese Jungs arbeiten weniger und kommen davon?“

Gedopt habe er, das ja, aber nicht mit Stanozolol, sagt Johnson und hält bis heute eine Verschwörungstheorie aufrecht. In der kommen die übermächtigen Amerikaner vor mit ihren Sponsoren – und auch Lewis. Aber welche Rolle der spielt, darüber macht Johnson nur Andeutungen. Sie hätten ihm etwas ins Bier gekippt, davon ist er überzeugt. Pound überzeugt es nicht: „Wenn Stanozolol drin war, wusste er es vielleicht nicht, aber sein Arzt. Ich glaube er war ein bisschen angeschlagen vor den Spielen. Und dann haben sie vielleicht Stanozolol gespritzt.“

Auf jeden Fall musste Johnson herhalten für die Verlogenheit einer ganzen Sportart. „Als das Gerücht aufkam, dass ein sehr wichtiger Athlet aus diesem Finale positiv getestet sei, wollten die Briten eine Pressekonferenz einberufen, um zuzugeben, dass es Linford Christie war“, erzählt Pound. Christie wurde hinter Lewis Dritter.

Lewis hätte eigentlich gar nicht starten dürfen. Schon vor den Spielen waren ihm Dopingsubstanzen nachgewiesen worden. Der amerikanische Verband ließ ihn jedoch laufen.

Der Fall Florence Griffith-Joyner

Fast ebenso spektakulär wie Johnsons Auftritt war der von Florence Griffith-Joyner. Dreimal Gold. Ihr 200-Meter-Weltrekord von Seoul ist bis heute nicht erreicht. Es hält sich jedoch die Verdacht, dass ein positiver Test vertuscht wurde. „Ich habe gehört, dass mitten in der Nacht eine große Delegation von Amerikanern ins Kontrolllabor marschiert ist und dass sie nach mehreren Stunden lachend wieder rausgekommen sind“, sagt Pound. Zehn Jahre später starb Griffith-Joyner unter bis heute nicht geklärten Umständen.

Die Spiele 1988 rückten Doping in den Mittelpunkt. „Es war gut fürs IOC, denn es bedeutete, du kannst Weltmeister sein und Weltrekordhalter, in der Sportart Nummer eins: Wenn du erwischst wirst, wirst du disqualifiziert“, sagt Pound. Doch er hat sich verschätzt: „Ich dachte, die Abschreckung wäre viel größer.“

Der Zweifel ist seit Seoul zum treuen Begleiter Olympias geworden, zuletzt beim Sieg von Usain Bolt. „Jedes Mal, wenn du eine bemerkenswerte Leistung siehst, fragst du dich: Ist die echt?“, sagt Pound. Aus dem Fall Johnson hat er jedoch die Überzeugung mitgenommen, dass nicht die Athleten die Hauptschuldigen sind: „Ich bin sicher, dass Doping nicht Bens Idee war. Aber er hatte nicht die persönliche Stärke, um Nein zu sagen zu dem, was sein Trainer von ihm verlangt hat.“

Bisher erschienen: Jesse Owens 1936 in Berlin, Armin Harys Sprintrekord 1960, Ulrike Meyfarths Olympiasieg 1972. Morgen: Das Weitsprungduell Mike Powell gegen Carl Lewis 1991.

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