Manuel Neuer : Mit Hand und Fuß

Als Fünfjähriger ärgerte sich Manuel Neuer, dass er bei den Schalker Bambini ins Tor musste. Aus dem Talent wurde ein kompletter Keeper. Nun ist der 24-Jährige national die Nummer eins vor Tim Wiese.

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Neulich hat Manuel Neuer sich noch einmal für ein paar Minuten an den Absperrzaun gestellt, die Trennlinie zwischen der Welt der Nationalspieler und dem übrigen Leben in Südtirol. Von morgens bis abends stehen dort Einheimische, Urlauber und Fans in der Hoffnung, einen freien Blick auf einen der Spieler zu erhaschen oder gar ein Autogramm zu bekommen. Neuer ging auf die erregte Meute zu, blickte freundlich aus seinem jugendlichen Gesicht und schrieb Autogramme. Die Glücklichen werden sich freuen, denn inzwischen hat die Signatur Neuers deutlich an Wert gewonnen. Seit gestern ist der 24-Jährige die neue Nummer eins.

Die Entscheidung für den Torhüter vom FC Schalke 04 sei „sehr, sehr eng“ gewesen, sagte Andreas Köpke: „Nach längeren Diskussionen haben wir entschieden, dass wir mit Manuel in die WM gehen.“ Der Bundestorwarttrainer begründete die Entscheidung mit der sehr guten Saison, die Neuer gespielt habe, vor allem aber mit seinem „Riesenpotenzial“. Tim Wiese wird die Nummer zwei sein. Der 28-jährige Bremer hat laut Köpke die für ihn enttäuschende Entscheidung „sportlich aufgenommen“. Als Nummer drei nach Südafrika reisen wird Jörg Butt, der gestern 36 Jahre alt wurde. Der Münchner, der erst nach der Verletzung von René Adler nachnominiert worden war, habe Außenseiterchancen besessen. Köpke sagt dazu: „Letztendlich war es eine Entscheidung zwischen Manuel und Tim.“

Für Manuel Neuer erfüllt sich damit ein Traum. Als Kind habe er es nicht mal für möglich gehalten, dass er überhaupt Profi werden könne. „Ich habe mir in den Jugendmannschaften immer kleine Ziele gesetzt, um weiterzukommen. Das war aber damals nicht einfach, es wurde viel gesiebt und aussortiert“, hat Neuer gerade erst im Mannschaftsquartier in Eppan erzählt. „Ich war nicht immer der Größte, kam auch spät in die Pubertät, für einen Torwart kann das auch ein Problem sein“, erinnerte er sich. „Einige waren schon 1,80 Meter, da war ich noch 1,70. Die zehn Zentimeter haben dann oft gefehlt.“ Inzwischen ist Neuer 1,93 Meter groß. Und technisch, sagt er, sei er ohnehin immer sehr gut gewesen.

Als Fünfjähriger kam Manuel Neuer 1991 zum FC Schalke. Er ist dort durch die Hände von Lothar Matuschak gegangen, des Nachwuchs-Torwarttrainers, der zahlreiche Jugend-Nationalspieler hervorgebracht hat. Dieser habe besonderen Wert auf eine möglichst komplette Ausbildung gelegt. „Wir haben immer mit dem Fuß angefangen im Training, uns immer am Ball warm gemacht“, erzählte Neuer. Über Passfolgen und lange Bälle sei es darum gegangen, sicher mit rechts und links zu werden. „Wir mussten beidfüßig Fußball spielen. Und einmal in der Woche gab es je eine Einheit für Strafraumbeherrschung, Reaktionsvermögen und Sprungkraft.“

Befürchtungen, wonach die WM für den Torwart des FC Schalke wegen seiner geringen internationalen Erfahrung von erst drei Auswahleinsätzen zu früh kommt, weist dieser zurück. „Das, was ich machen konnte, habe ich gemacht“, sagte Neuer. Im vergangenen Jahr ist er U-21-Europameister geworden, er hat mit Schalke in der Champions League und in der Europa League gespielt. „Mehr konnte ich ja nicht machen.“

Bei aller Jugend und Bescheidenheit ist Neuer von sich überzeugt. „Generell wäre es eine Enttäuschung, wenn ich nicht die Nummer eins werde“, hatte er kürzlich im Trainingslager auf Sizilien gesagt. Eigentlich war der Leverkusener René Adler im vergangenen März von Löw zur Nummer eins bestimmt worden. Kurz darauf fand in München das Länderspiel gegen Argentinien statt – mit Adler im Tor. Neuer war enttäuscht, doch er ist nicht der Typ, der mit solchen Entscheidungen hadert. In einem Interview mit dem Tagesspiegel sagte er damals: „Noch ist die WM nicht gespielt. Ich hake sie für mich nicht ab. Und ich sage jetzt auch nicht, dass René über Jahre hinweg die Nummer eins ist. Da kann sehr viel passieren.“ Bekanntlich passierte tatsächlich etwas mit Adler, natürlich ohne, dass es Neuer wollte. Adler prellte sich die Rippen, weshalb er Anfang Mai seinen Ausfall für die WM bekannt gab. Fortan war die Frage nach dem WM-Torwart wieder offen, auch weil es Löw ganz bewusst unterließ, so rasch eine neue Nummer eins zu bestimmen.

Er gehe davon aus, dass er früher oder später die Nummer eins werde, dessen war sich Neuer in den vergangenen Monaten sicher. Nun kam es doch sehr viel früher dazu, als Neuer ahnen konnte. Vermutlich wird er gestern an seine Eltern gedacht und mit ihnen telefoniert haben. Sie haben ihren damals fünfjährigen Sohn zum Bambini-Training zur Glückauf-Kampfbahn gefahren. Und wie der Zufall es so wollte, musste er gleich ins Tor. Manuel Neuer erinnert sich an die Szene so: „Eigentlich wollte ich gar nicht ins Tor, aber der Neue ist der Doofe, und der muss immer ins Tor. Ja, heute sage ich, zum Glück war ich der Doofe.“

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