Marcel Reifs Kolumne : Braunschweigs Tradition als Vorreiter

Unser Kolumnist Marcel Reif beschäftigt sich mit dem Bundesliga-Aufsteiger Eintracht Braunschweig, den er auf dem Weg zu einem Vorreiter sieht - wenn er akzeptiert, dass er mal Tradition hatte, nun aber ein echter Aufsteiger ist.

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Braunschweiger Überlebenskampf: Über den Kampf irgendwie an Punkten kommen. Foto: imago
Braunschweiger Überlebenskampf: Über den Kampf irgendwie an Punkten kommen.Foto: imago

Weiß man das eigentlich noch, wer diese Eintracht aus Braunschweig mal war? Das Gründungsmitglied der Bundesliga war, zugegeben überraschend, Deutscher Meister. 1967 war das, aber das reicht ja, um sie in die Reihe der Traditionsvereine zu stellen. So attraktiv war sie, und auch so solvent, dass ein Weltmeister wie Paul Breitner nach seinem Ausflug zu Real Madrid in Braunschweig sein Austragshäusl bezog. Und noch etwas war diese Eintracht aus Braunschweig: Sie war mal Vorreiter. In Sachen Sponsoring und Marketing machte der Eintracht seinerzeit, auch wenn man solche Sachen damals noch anders nannte, zeitweise niemand etwas vor. Der Präsident und Jägermeister Mast wusste früher als andere, wohin der Ball rollen wird. Ja, das alles war mal die Eintracht aus Braunschweig. Bis es dann abwärts ging, in die zweite Liga, in die dritte Liga, sogar in die vierte Liga. Oh Jammer.

Die Eintracht dieser Tage aber ist ein ein echter Aufsteiger. Also keiner, der sich mal in den Niederungen verirrt hat, sondern einer, der die Höhen mal besucht. Das heißt, dass er chancenlos ist. Manchmal hilft Euphorie. Der FC Augsburg hat das vorgeführt. Aber die Eintracht? Die war schon vor Anpfiff Tasmania, so ein echter Aufsteiger ist inzwischen immer Tasmania. Dagegen müssen sie erst einmal anrennen. Sie haben einen besonderen Trainer, Torsten Lieberknecht, sie haben ein durchaus erstklassiges Stadion, sie haben leidenschaftliche Fans, sofern in Braunschweig so etwas wie Leidenschaft zu finden ist. Was sie nicht haben, ist eine erstligataugliche Mannschaft.

Ob dieser Besuch ein fröhlicher werden wird oder ob die Eintracht am Ende des wahrscheinlichen Abstiegs nicht nur mit leeren Händen, sondern auch mit verbrannten Händen dastehen wird, daran wird zu messen sein, wie sie den Besuch verkraftet hat. Wenn der Trainer beim Gang in die tiefere Etage immer noch Lieberknecht heißt, wenn sie nicht dem Reflex der Verzweiflung unterliegt und Spieler einkauft, die nur vermeintlich den Klassenerhalt sichern können, dann ist die Eintracht auf einem guten Weg. Die Fortuna aus Düsseldorf hat es ex negativo vorgemacht. Die Fortunen krauchen trotz neuem Trainer, trotz fast komplett neuem Kader in der Zweiten Liga herum. Wenn die Eintracht sich als Verein versteht, der mal Tradition hatte, der sich gut etabliert in der Zweiten Liga, und wenn es sehr gut läuft, sich auch mal einen Ausflug gestattet, dann kann die Eintracht aus Braunschweig wieder mal zum Vorreiter werden. Einer, der die Großen auch mal ärgern kann.

Marcel Reif ist Chefkommentator bei Sky.

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