Marcel Reifs Kolumne : Der alternative Bundesligagipfel

Mit dem SC Freiburg und dem FSV Mainz 05 trafen am zweiten Spieltag zwei Vereine aufeinander, die nicht den Kult, sondern ihr Dasein kultiviert haben - meint unser Kolumnist Marcel Reif.

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Ein Kopfballduell im alternativen Bundesligagipfel.
Ein Kopfballduell im alternativen Bundesligagipfel.Foto: dpa

Was machen die Freiburger, die Mainzer, die sich am Samstag zum alternativen Gipfel der Bundesliga getroffen haben? Sie machen alles richtig und haben dem FC St. Pauli den Status als Alternativprogramm abgenommen. Sie haben mehr gemacht als St. Pauli, sie haben es besser gemacht. Die Hamburger Kiezkicker ersticken noch an ihrem kultigen Dasein, die freuen sich noch über ihren Kult, wenn sie in der fünften Liga gelandet sind, weil sie nämlich vergessen haben, dass Kult allein keine Tore schießt.

Die Freiburger, die Mainzer, sie haben nicht den Kult kultiviert, sie haben ihr Dasein kultiviert. Und das ist bescheiden, ist mittelstädtisch, ist realitätsbezogen. Freiburg, Mainz, das sind ja nun wahrlich keine prädestinierten Bundesligastandorte. Die Freiburger sind 1993 erstmals aufgestiegen, die Mainzer 2004, durch glückliche Umstände und auch, weil die Kluft zwischen der Ersten und der Zweiten Liga nicht so schier unüberwindbar groß war, wie sie heute ist. Aber sei's drum. Die glücklichen Umstände? Beide hatten die richtigen, heißt: umsichtigen Trainer zur richtigen Zeit. Das war einst in Freiburg der Meister Finke, das war in Mainz der Meister Klopp. Sie haben sich angeschaut, wer sie sind, was ihre Klubs vermögen und nach dem Vermögen haben sie gehandelt. Und haben kongeniale Nachfolger gefunden, den Meister Tuchel in Mainz, den Meister Streich in Freiburg, Letzterer wirkt in Freiburg so perfekt, als hätten sie ihn sich gemalt.

Die Bilder zum zweiten Spieltag
Aus der zweiten Reihe ins Rampenlicht: Jonas Hofmann (r.) wurde für Borussia Dortmund zum entscheidenden Mann gegen Eintracht Braunschweig.Weitere Bilder anzeigen
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18.08.2013 20:06Aus der zweiten Reihe ins Rampenlicht: Jonas Hofmann (r.) wurde für Borussia Dortmund zum entscheidenden Mann gegen Eintracht...

Wer sind wir, was können wir, das ist das Modell, nachdem solche Klubs mit kleinen Etats und infrastrukturellen Nachteilen funktionieren können. Beide Klubs haben nicht gejammert, als sie abstiegen. Beide haben weitergemacht, gerade so, als sei die Bundesligazugehörigkeit ein Geschenk des Himmels, aber keine Pflicht des Schicksals. Wenn wir es gut machen, steigen wir wieder auf, wenn wir es sehr gut machen, bleiben wir drin, und wenn wir es nicht so gut machen, steigen wir wieder ab. Und wenn wir absteigen, dann wird der Trainer trotzdem nicht entlassen.

Marcel Reif
Marcel Reif. TV-Reporter und Tagesspiegel-Kolumnist.Foto: dpa

Dass sie mal Meister werden, werden nicht einmal die Fans erwarten. Und wenn sie kurzfristig nach Höherem streben, werden sie schnell wieder eingefangen, da so eine Hoffnung realitätsfremd ist und das Gesamtgefüge bedroht. Das Gesamtgefüge besteht im Klassenerhalt, inzwischen im gesicherten Klassenerhalt. Man kann das romantisch sehen, aber dann ist man schnell bei der ketzerischen Frage, ob die Liga allein Werksvertretungen braucht. Die Freiburger, die Mainzer beweisen jedes Wochenende in aller Bescheidenheit, dass der Fußball immer noch mehr ist. Die Liga braucht die beiden.

Marcel Reif ist Chefkommentator bei Sky.

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