Marcel Reifs Kolumne : Der Fußball muss raus aus dem Abseits

Das Interview eines anonymen Bundesligaprofis passte zur Botschaft des Spieltags: Geh deinen Weg, auch wenn du Fußballprofi bist und schwul. Doch der Fußball ist die letzte Domäne der Dummen und Blinden, meint unser Kolumnist.

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Marcel Reif. TV-Reporter und Tagesspiegel-Kolumnist.
Marcel Reif. TV-Reporter und Tagesspiegel-Kolumnist.Foto: dpa

Es war sicher nicht geplant, aber passend zum Integrationstag „Geh deinen Weg“ war die große Diskussion der vergangenen Woche schon. Geh deinen Weg, das kann man nach den Bekenntnissen eines anonymen Bundesligaprofis und den vielfachen Kommentaren dazu durchaus erweitern: Geh deinen Weg, auch wenn du Fußballprofi bist und schwul. Nun wird über das Outing des ersten Profis ja schon lange diskutiert, gewiss ist es überfällig, weil niemand annehmen kann, dass die gesellschaftliche Realität sich nicht widerspiegelt im Bundesligabetrieb. Und dennoch. Gute Güte, worüber sprechen wir da? Wir sind im Jahr 2012, Homosexualität ist kaum noch ein Thema im Klerus, ist keins mehr im Militär, in der Gesellschaft wohl auch nicht und in der Politik schon gar nicht mehr. Allein der Fußball, der beharrt darauf, letzte Domäne zu sein der Dummen und Blinden, die nicht wissen und sehen wollen, dass die sexuelle Präferenz eines Menschen allein diesen Menschen etwas angeht und nichts aussagt über sonstige Qualitäten.

Wenn ich sage, dass der Fußball darauf beharrt, ist das so nicht richtig. Die Verantwortlichen der Klubs, der DFB, jetzt auch Kanzlerin Merkel, sagen deutlich, dass sie kein Problem haben, dass jeder Einzelne für sich wissen soll, muss, ob er sich öffentlich bekennt. Aber ist das tröstlich? Mag sein, dass die Angst vor einem Outing eine gefühlte Angst ist. Die Mitspieler, da bin ich sicher, sind nicht daran interessiert, wen ein Kollege liebt, sondern ausschließlich daran, wie er den Ball spielt. Bleiben die Fans, bleibt die Öffentlichkeit. Mag weiter sein, dass auch die völlig gelassen reagieren und ihren schwulen Torjäger, Spielmacher, Torhüter ebenso feiern wie den heterosexuellen, und ihn bei Fehlleistungen nicht mehr verdammen und auspfeifen als alle anderen Kollegen. Schön wäre es, aber niemand weiß es.

Und wer übernimmt die Verantwortung, einen schwulen Profi zur Öffentlichkeit zu drängen, an der der dann anschließend doch zerbricht? Ja, ich wünsche mir auch, dass der Fußball seinen Weg geht und rauskommt aus einem gesellschaftlichen Abseits. Im Fußball wird Abseits abgepfiffen. Die richtige Entscheidung ist oft schwer genug. Aber wenn sich jemand outet, und wenn sich diese Ehrlichkeit, die eine Selbstverständlichkeit sein sollte, als gesellschaftliche Fehlentscheidung herausstellen sollte, dann wünsche ich mir, dass alle, die jetzt die Offenheit propagieren, also auch ich, sehr fest zusammenstehen und einen etwaigen Sturz auffangen. Damit wir dann alle unseren Weg gehen.

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