Marcel Reifs Kolumne : Wie viel Romantik steckt noch im Fußball?

Nach dem Abwerben des Dortmunders Mario Götze wird dem FC Bayern Wilderei vorgeworfen. Unser Kolumnist fragt sich: Ist es unromantisch, wenn Pep Guardiola sagt, Mario Götze, ich will dich in meiner Mannschaft haben?

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Marcel Reif
Marcel Reif. TV-Reporter und Tagesspiegel-Kolumnist.Foto: dpa

Man kann natürlich sagen, dass der FC Bayern München auch Spieler wie Jan Kirchhoff von Mainz 05 oder Sebastian Rode von Eintracht Frankfurt braucht, weil er eben, wie gestern gegen Freiburg, auch mitunter mit einer B-Mannschaft auflaufen muss, die, sorry, eher eine C-Mannschaft ist. Aber vielleicht haben sie auch Qualitäten entdeckt, die unsereins nicht sieht, noch nicht sieht, vielleicht sind Kirchhoff und Rode bald Schweinsteigers und Götzes. Wobei es noch ein wenig dauern dürfte, bis sie diesen Beweis antreten können. Will sagen: In dieser ganzen Debatte über Moral, Unmoral, Gier in Spielertransfers, gibt es in der Tat Entscheidungen und Verpflichtungen, die nicht so verständlich sind. Aber daraus ableiten, der FC Bayern würde in eine Transferpolitik verfallen, wie in den achtziger Jahren, als er Konkurrenten die besten Kräfte wegkaufte, um sie zu schwächen? Mainz 05, Eintracht Frankfurt, Konkurrenten?

Da macht das Wildern bei Borussia Dortmund schon mehr Sinn. Indes, wer würde Real Madrid, dem FC Barcelona schon vorwerfen, gierig zu sein, Konkurrenten zu schwächen, wenn sie deren beste Kräfte anbaggern? Es ist nur so, dass die Münchner in dieser Liga angekommen sind, nur eben im gleichen Land. Und noch ein Übriges, auch die Borussia aus Dortmund ist nahe an dieser Liga und würde nicht anders handeln, wenn sie zum Beispiel Ribéry oder Müller überreden könnte, von Bayern nach Westfalen zu wechseln.

Wie viel Romantik steckt noch im Fußball? Anders gefragt: Ist es überhaupt unromantisch, wenn Pep Guardiola sagt, Mario Götze, ich will dich in meiner Mannschaft haben, ich will dich als Star haben, du sollst mein Messi sein? Und ist es kalt und berechnend, wenn dieser junge Mann Götze der Versuchung und Verheißung nicht widersteht? Auch Borussia Dortmund hat vor nicht allzu langer Zeit den Spieler Reus aus Mönchengladbach gelockt. Romantisch? Unromantisch? Und wenn sie jetzt den jungen Julian Draxler von Schalke 04 haben können, zählt auch die Romantik der Folklore nichts mehr. Sie werden nach ihren Vorstellungen und ihren Möglichkeiten handeln, das mag man darwinistisch nennen, aber so ist es, und ehrlich gesagt, so war es immer.

Die Romantik, die halten die Fans hoch. So wie die aus Dortmund. Die sind natürlich traurig, dass ihre Besten gehen. Aber haben sie diesen Mario Götze verteufelt? Haben sie nicht. Weil sie spüren, weil sie fühlen, dass ein Wechsel im Fußball eine ganz normale Sache ist. Sie werden weinen, wenn es vorbei ist, so wie wahrscheinlich auch Götze weinen wird an seinem letzten Arbeitstag in Dortmund. So viel Romantik ist immer.

Marcel Reif ist Sky-Chefkommentator.

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