Marwin Hitz : Handballer als Fußballer

Das Tor von Marvin Hitz war kein Zufall, findet unser Kolumnist. Denn die Torhüter von heute haben mehr Ballgefühl als ihre Vorgänger.

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Torwart als Torjäger. Marvin Hitz nach seinem Treffer.
Torwart als Torjäger. Marvin Hitz nach seinem Treffer.Foto: AFP

Um fair zu sein: Oliver Kahn hat auch einmal ein Tor erzielt. Es hat nur nicht gezählt, im März 2001. Kahn sah sogar Gelb-Rot dafür, dass er den Ball beidhändig ins Rostocker Tor geboxt hatte. Er habe gedacht, scherzte der Torwart des FC Bayern damals, er dürfe im Strafraum die Hände verwenden.

Wie viele Welten liegen zwischen Kahn, dessen Hände Weltklasse hatten und dessen Füße wohl nur Kreisklasse, und Marwin Hitz im Jahre 2015? An Hitz’ herrlichem Drehschuss, mit dem der Augsburger Torwart das späte 2:2 gegen Leverkusen erzielte, hätten sich seine Vorgänger als Torwarttorschützen, Jens Lehmann, Frank Rost und, nun ja, Kahn, wohl die Beine verknotet. Lehmann wird immer bleiben, dass der Schalker 1997 der erste Bundesliga-Torwart war, der aus dem Spiel heraus traf, und das im Derby gegen Dortmund. Aber er war ähnlich in sein Kopfballtor gestolpert wie Rost, der 2002 für Bremen gegen Rostock den Ball nach einer Ecke über die Linie stocherte.

Lehmann löste später Kahn in der Nationalelf ab und die Ära der Handballer im Fußballtor endete. Heute ist auch der elfte Spieler Fußballer und es scheint fast normal, dass Manuel Neuer zusätzlich als Libero mitspielt. Selbst ein Durchschnittskeeper wie der 27-jährige Schweizer Hitz besitzt bemerkenswertes Ballgefühl. Klar, schon früher flohen Torhüter der engen Welt ihres Kastens, José Luis Chilavert mit Freistößen oder Hans-Jörg Butt mit 26 Elfmetertoren. Aber das war nur punktuell.

Die Torwartzone hat sich ausgeweitet. Weiter als bis zur Mittellinie wird sie wohl nie reichen, das Tor frei zu lassen, wird kein taktisches Mittel wie im Hockey oder Handball. Außer bei Standardsituationen. Da dürfen wir künftig auf mehr Torwarttore hoffen, die nicht nur spektakulärer Zufall sind, sondern auch große Kunst.

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