• Mathieu Holz, Doping-Experte bei Interpol, im Interview: „Wir waren auch bei Armstrong beteiligt“

Mathieu Holz, Doping-Experte bei Interpol, im Interview : „Wir waren auch bei Armstrong beteiligt“

Mathieu Holz erklärt, wie die internationale Polizeibehörde Interpol im Antidopingkampf mitmischt.

Tom Mustroph
Armstrong. Foto: dpa
Armstrong.Foto: dpa

Herr Holz, zunächst denkt man, Interpol hätte Besseres und Wichtigeres zu tun, als sich um ein paar betrügende Spitzensportler zu kümmern. Warum ist Interpol dennoch im Antidoping-Kampf aktiv?

Es ist richtig, dass Terrorismusabwehr und organisierte Kriminalität eine höhere Priorität für uns haben. Aber im Jahr 2008 traten einige Mitgliedsländer an uns mit der Bitte heran, Informationen zu Doping zu sammeln und zur Verfügung zu stellen. Wir gründeten eine Arbeitsgruppe. Parallel begann die Zusammenarbeit mit der Welt-Antidoping-Agentur (Wada), von der wir auch wissenschaftliche Unterstützung erhalten.

Der Auslöser war der Radsport?

Ja. In diesem Sport gibt es die meisten Dopingfälle.

Wann steigt Interpol in eine Untersuchung ein?

Interpol darf nicht selbst ermitteln. Wir sind dazu da, unsere 190 Mitgliedsländer zu unterstützen. Wir stellen Informationen zur Verfügung. Wenn das Bundeskriminalamt mich zum Beispiel nach Informationen fragt, werde ich es in Verbindung mit unseren internationalen Partnern bringen.

Und wie sieht Ihr Beitrag dann konkret aus?

Wir nehmen auf Wunsch einzelner Partner spezifische Nachfragen vor und können bei der Analyse helfen. Im vergangenen Jahr hatten wir etwa eine Nachfrage der belgischen Polizei bezüglich der Substanz TB500. Sie hatten auf dem Brüsseler Flughafen eine Beschlagnahme vorgenommen und wollten wissen, ob es sich um eine Dopingsubstanz handelt. Wir fragten bei der Wada nach und konnten innerhalb von 24 Stunden die Information weitergeben: Ja, es handelt sich um ein Dopingmittel. Es ist für Rennpferde zugelassen, für Menschen aber verboten. Es ist ein sehr spezielles und auch sehr teures Medikament zum Muskelwachstum. Ein Gramm kostet 40 000 Dollar. Diese Informationen haben geholfen, eine Untersuchung einzuleiten.

Sie betraf den belgischen Radprofi Wim Vansevenant?

Ja. Die Beschlagnahme fand kurz vor der Tour de France statt.

Eine spätere Analyse zeigte aber, dass sich gar kein TB500 in den Verpackungen mit dieser Aufschrift befand. Stimmt das?

Das ist zutreffend. Es handelte sich um einen Betrug im Betrug. Die betreffende Person machte dann einen aus ihrer Sicht schlauen, für uns aber schädlichen Zug. Trotz unserer Bitte um Verschwiegenheit informierte sie die Presse über den Fall. Es wurde bekannt, dass wir ermitteln. Und binnen kurzer Zeit brach der gesamte Internetmarkt zu TB500 zusammen. Wir mussten die Ermittlung abbrechen.

War Interpol auch am Fall Lance Armstrong beteiligt?

Ja. Im Jahr 2010 kam der Chef der US-Antidoping-Agentur Travis Tygart auf uns zu und fragte uns aufgrund der bislang von ihm gesammelten Erkenntnisse nach spezifischen Kontakten in Europa. Ich habe ihm gesagt, dass ich die nicht direkt weitergeben, aber ein Treffen in Lyon mit den in Frage kommenden Vertretern organisieren kann. Das haben wir im Juli 2010 gemacht. Und seitdem arbeiten Polizeibehörden, Staatsanwälte und Antidopingorganisationen aus Frankreich, Italien, Belgien, Spanien und den USA an diesem Fall.

Die Nachfrage der Usada war die erste, die von einer Antidopingagentur kam?

Ja. Danach haben wir ein Netzwerk aus den effizientesten Antidoping-Agenturen aufgebaut – neben der amerikanischen noch die britische und die australische.

Warum sind ausgerechnet die so effizient?

Sie arbeiten direkt mit der Polizei ihrer Länder zusammen. Sie haben eigene Ermittlungsabteilungen, die von Ex-Polizisten geleitet werden. Das macht die Zusammenarbeit leichter.

Gab es schon eine Anfrage der deutschen Nada?

Nein. Die Anfragen aus Deutschland kommen meist vom BKA, vom dortigen Referat „SO 36 Arzneimittel/Umweltkriminalität“. Wir selbst fragen manchmal bei den deutschen Antidopinglaboren für eine parallele Analyse von Dopingsubstanzen an.

Manche Beobachter, etwa die Vorsitzende der Freiburger Untersuchungskommission zu den Dopingpraktiken der dortigen Sportmedizin, sehen einen Zusammenhang von Doping- und Drogenmarkt. Wie eng hängen diese Bereiche zusammen?

Es gibt tatsächlich manchmal diesen Zusammenhang. Das Rohmaterial für Designerdrogen und Designerdopingmittel kommt oft aus Ostasien. Wer das nötige Knowhow hat, stellt beides her. Und manchmal sind sogar die Kunden die gleichen. Wir können aber einen Unterschied machen zwischen den Dopingkreisläufen von Elitesportlern und der Masse, die auf eher preiswerte Dopingsubstanzen aus ist. Letztere ist das Ziel von Geschäftsleuten mit ganz miesen Praktiken. Die bieten einer ganzen Menge von Kunden eine große Bandbreite von Substanzen an. Sie erreichen bei minimalem Investment ein Profitmaximum, tragen dabei nur geringe Risiken, weil Dopinghandel nur in wenigen Ländern strafrechtlich verfolgt wird, und scheren sich nicht um die Gesundheit.

Wie hoch ist der Anteil der Fälle, die dann auch zu einer Verurteilung kommen?

Das ist sehr unterschiedlich. Während man in Deutschland, Österreich und Frankreich beispielsweise Dopinghändler zu Gefängnisstrafen verurteilen kann, weil es die entsprechenden Gesetze gibt, kommen sie in anderen Ländern mit Geldstrafen davon.

Doper selbst gehen in Deutschland aber straffrei aus.

Ja, man wird nur verurteilt, wenn man in großen Mengen handelt, nicht aber für den eigenen Konsum.

Wäre eine Dopinggesetzgebung hilfreich?

Da kann ich nur für mich persönlich sprechen, nicht aus Sicht von Interpol. Als ich beim Sportausschuss im Bundestag angehört wurde, habe ich gesagt, dass ein Ansatz wie etwa in Schweden sehr hilfreich wäre, der das Benutzen bestimmter Dopingsubstanzen wie anabole Steroide oder Wachstumshormone unter Strafe stellt. Man kann Druck auf die Konsumenten ausüben, Beweismittel sammeln und die Händler und deren Hintermänner identifizieren.

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