Sport : Mehr Neuer als Kahn

Ter Stegen kann in der Nationalelf weit kommen.

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Den hat er. Marc-André ter Stegen beim Training der Nationalmannschaft. Foto: dpa
Den hat er. Marc-André ter Stegen beim Training der Nationalmannschaft. Foto: dpaFoto: dpa

Aus dem Hotel Romazzino an der Costa Smeralda sind bisher keine negativen Nachrichten nach außen gedrungen. Auch die Einrichtung im Zimmer von Marc-André ter Stegen dürfte sich in ordnungsgemäßem Zustand befinden. Selbst von Bissspuren an seinem Kopfkissen ist nichts bekannt. Hat es ja alles schon gegeben bei deutschen Torhütern. Hans Tilkowski soll vor der WM 1962 das Mobiliar in seinem Zimmer zerlegt haben, nachdem er zur Nummer zwei degradiert worden war. Und nach einer von ihm selbst verbreiteten Legende hat Oliver Kahn den Frust über sein Dasein als dritter Torhüter bei der WM 1994 nur dadurch zügeln können, dass er sein Kopfkissen ausdauernd mit den Zähnen malträtiert hat.

Bei ter Stegen muss man sich keine Sorgen machen, dass er diesen Vorbildern nacheifert. Der Torhüter von Borussia Mönchengladbach ist von der Boulevardpresse zwar beharrlich als „Mini-Titan“ bezeichnet worden, und er erinnert tatsächlich in Mimik und Gestik an den heiligen Kahn, doch damit erschöpfen sich die Gemeinsamkeiten. Natürlich hat ter Stegen die Sätze „Keiner wird dem anderen was schenken“ und „Wenn man die Chance hat, muss man sie nutzen“ angstfrei ausgesprochen, trotzdem ist sein Sozialverhalten über jeden Zweifel erhaben. „Er ist von Natur aus sehr offen, ein super Typ“, sagt sein Teamkollege Marco Reus.

Auch ter Stegens Interpretation der Torhüterrolle ist ein klarer Bruch mit dem Spiel des defensiven Reflextorhüters Kahn. Der 20-Jährige ist deutlich mehr Manuel Neuer als Oliver Kahn, und das macht ihn zur vielleicht interessantesten Personalie im Rest der Nationalmannschaft, die sich derzeit auf Sardinien auf die Europameisterschaft vorbereitet.

Auf den ersten Blick ist die Sache einfach. Ter Stegen wurde als dritter Torhüter neben Tim Wiese und Ron-Robert Zieler in den vorläufigen EM-Kader berufen, weil der Münchner Neuer erst Ende des Monats verfügbar ist. Für den jungen Mann aus Mönchengladbach ist das eine super Sache, und wenn er dann am 29. Mai wie erwartet wieder aus dem Aufgebot fliegt, wird er nicht einmal besonders böse sein. Aber so eindeutig ist die Angelegenheit vielleicht gar nicht. „Marc-André ter Stegen hat jetzt ein Jahr absolutes Topniveau in der Bundesliga gebracht und verkörpert das Torwartspiel, das wir in der Nationalmannschaft wollen“, sagt Andreas Köpke. Von den drei Kandidaten, mit denen der Bundestorwarttrainer derzeit auf Sardinien zusammenarbeitet, kommt der Gladbacher dem Spiel des Stammtorhüters Neuer eindeutig am nächsten; sollte der Münchner aus irgendeinem Grund ausfallen, wäre ter Stegen das fast perfekte Double.

„Die Spieler, die als Streichkandidaten gehandelt werden, haben alle eine faire Chance“, sagt Joachim Löw, und man handelt sich sicher keine Unterlassungsklage ein, wenn man dem Bundestrainer ein Faible für ter Stegen unterstellt. Löw hat sich mehrfach auffallend wohlwollend über ihn geäußert, selbst wenn er nur allgemein zu den jungen Torhütern befragt wurde. Er hat gesagt, bei ter Stegen habe er das Gefühl, er stehe schon jahrelang im Tor. Da hatte der Gladbacher kaum mehr als zehn Bundesligaspiele hinter sich.

Einen so frühreifen Torhüter hat Deutschland lange nicht gehabt, vielleicht sogar noch nie. Gerade 13 Monate liegen zwischen ter Stegens Profidebüt und der ersten Berufung zur Nationalmannschaft. Das haben weder Manuel Neuer noch René Adler geschafft, auch Bodo Illgner nicht, der spätere Weltmeister von 1990. Dass es sich bei ter Stegen um eine außergewöhnliche Begabung handelt, ist schon sehr früh aufgefallen. In Mönchengladbach wurde er bereits im Teenageralter als künftige Nummer eins geführt, lange bevor er 2009 mit der U 17 Europameister wurde. „Er ahnt vieles voraus, spielt sehr gut mit, in Eins-zu-eins-Situationen ist er überragend“, hat sein Trainer Roland Virkus, Borussias heutiger Nachwuchsleiter, vor knapp fünf Jahren über ihn gesagt.

Ter Stegen ist auf der Linie stark, er versteht es blendend, den Ball mit dem Fuß zu verarbeiten und strahlt bei hohen Bällen eine grimmige Entschlossenheit aus, ehe er ganz gelassen zupackt. In der abgelaufenen Saison hat er 81,3 Prozent der Schüsse auf sein Tor abgewehrt – so viele wie kein anderer Torhüter der Bundesliga. Mit nur 24 Gegentoren und 15 Zu-null-Spielen hat er gleich zwei neue Gladbacher Vereinsrekorde aufgestellt.

Andreas Köpke sagt, er freue sich, dass er ter Stegen jetzt auch mal im Training sehen könne. Dieser Tage hat er ein längeres Gespräch mit ihm geführt und dabei den Eindruck gewonnen, dass das ein Junge ist, „der weiß, was er will“. Man kann ruhig davon ausgehen, dass es nicht ter Stegens Wille ist, auf Dauer Deutschlands Nummer zwei zu sein.

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