Michael Ballack : Das Ende einer Karriere

Er wurde verspottet als ewiger Zweiter, ohne großen Titel. Doch wenn die deutschen Fußballer weit kamen, 2002, 2006 oder 2008, dann lag das an ihm, Michael Ballack. Der doch gar nicht an seinen Erfolgen gemessen werden will, sondern an seiner Persönlichkeit, wenn er jetzt seine Karriere beendet.

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Verloren. Michael Ballack steht nach dem Länderspiel gegen Argentinien im März 2010 einsam in der Münchner Arena.
Verloren. Michael Ballack steht nach dem Länderspiel gegen Argentinien im März 2010 einsam in der Münchner Arena.Foto: picture alliance / dpa

Dieses Gesicht wird bleiben. Die Augen zu Schlitzen verengt, die Brauen zornig nach oben gezogen, die Backen aufgeplustert, die Nasenlöcher groß wie Nüstern, die Unterlippe quillt wulstig hervor. Nie hat Michael Ballack entschlossener gewirkt als an diesem 16. Juni 2008 im Wiener Praterstadion, wo es im abschließenden Gruppenspiel der Fußball-Europameisterschaft um alles geht. Wenn die Deutschen gegen Österreich verlieren, sind sie schon nach der Vorrunde ausgeschieden. Der Bundestrainer ist nervös, weil auch sein Job auf dem Spiel steht. Kurz vor der Pause wird Joachim Löw wegen ständigen Reklamierens auf die Tribüne verbannt. Von dort oben beobachtet er, wie es kurz nach der Pause, 25 Meter vor dem österreichischen Tor, einen Freistoß für seine Mannschaft gibt.

Der Ball wird kurz angetippt, dann kommt Ballacks rechter Fuß ins Spiel. Der Ball gewinnt an Fahrt und Höhe und schlägt mit 120 Stundenkilometern im rechten oberen Eck ein. Aber es ist nicht die technische Perfektion, es ist dieser Ausdruck im Gesicht des deutschen Kapitäns, der von dem einzigen Treffer des Abends haften bleibt: diese wilde, fast schmerzhafte Entschlossenheit.

Am Dienstag nun hat Michael Ballack das Ende seiner Karriere verkündet, sechs Tage nach seinem 36. Geburtstag und 150 nach seinem letzten Bundesligaspiel für Bayer Leverkusen.

Reaktionen auf Ballacks Abschied
Joachim Löw, Bundestrainer: „Mit Michael Ballack beendet ein großer Fußballer, der auf der ganzen Welt bekannt ist, seine Karriere. In der Nationalmannschaft habe ich Michael stets als Stütze und sehr guten Spieler mit überragenden Qualitäten schätzen gelernt. Auf dem Platz strahlte er immer eine große Dominanz aus, für den Erfolg hat er alles getan. Für die Zukunft wünscht ihm die gesamte Nationalmannschaft inklusive der Betreuer alles Gute.“Weitere Bilder anzeigen
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02.10.2012 20:50Joachim Löw, Bundestrainer: „Mit Michael Ballack beendet ein großer Fußballer, der auf der ganzen Welt bekannt ist, seine...

Es war eine Nachricht, die wie aus dem Nichts zu kommen schien. Ballack hatte sich seit dem Sommer nahezu vollständig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen, selbst wenn er auf gewisse Weise natürlich präsent blieb – und bleibt. Sein Österreich-Gesicht zum Beispiel wird jetzt gerne wie ein Kronzeuge verwendet gegen die aktuelle Nationalmannschaft und ihren Trainer Joachim Löw. So einer wie Ballack fehle diesem Team, lautet die Klage. Ein Anführer, der sich nicht alles gefallen lässt und seine Mannschaft gerade in schwerer Zeit zum Erfolg treibt. Einer, der weiß, dass man für Siege auch leiden muss. Die neue Nationalmannschaft ohne Ballack hat zuletzt vor allem an ihren Niederlagen gelitten. Vor zwei Jahren im Halbfinale der Weltmeisterschaft gegen Spanien. Und noch viel mehr in diesem Sommer, bei der EM, gegen Italien. Mit Ballack, heißt es dann, wäre das vermutlich ganz anders gelaufen.

Es ist schon lustig. Einer, der früher als ewiger Zweiter verspottet wurde, dem Günter Netzer wegen seiner Herkunft aus der DDR vorgehalten hat, er sei „nicht prädestiniert für die typische Rolle eines Führungsspielers“, ausgerechnet dieser Michael Ballack wird jetzt zum großen Anführer des deutschen Fußballs umgedeutet. Unstrittig ist, dass Ballack ein Weltklassefußballer war, der einzige, den Deutschland zu seiner Zeit hatte. Aber was bleibt sonst von ihm? Was wird man künftig verbinden mit Michael Ballack, geboren in Görlitz, aufgewachsen in Karl-Marx-Stadt, fußballerisch groß geworden im Westen der Republik? Wird er als tragischer Verlierer in Erinnerung bleiben? Oder als der letzte Anführer des deutschen Fußballs?

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