Sport : München lässt Hannover den Vortritt

Im Kampf um Platz drei gehen den Bayern die Nerven durch: Robben sieht Rot, Kraft patzt in Nürnberg beim 1:1. Van Gaal denkt an einen Torwartwechsel Hannover 96 hat nach dem 2:0 gegen Mainz die Europapokal-Teilnahme fast schon sicher. Nun ist noch mehr drin – mit Ya Konan und Gottes Hilfe

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Sein schwarzes Aktentäschchen hatte Louis van Gaal akkurat auf dem weißen Tisch platziert. Genau vor ihm lag die Statistik zum Spiel, die der Noch-Cheftrainer des FC Bayern München mit reichlich Besorgnis im Blick und Schweißperlen auf der Stirn in die Hände nahm. Der 59-Jährige hatte damit das gerade erlebte Desaster schwarz auf weiß – das 1:1 (0:1) beim 1. FC Nürnberg beförderte den deutschen Rekordmeister und seinen niederländischen Strategen wieder auf Platz vier der Tabelle, was für die nächste Saison Auftritte in der Europa League statt in der Champions League bedeuten würde. Für den FC Ruhmreich wäre das so verlockend wie ein Zahnarztbesuch.

Kein Wunder, dass die FCB-Protagonisten ausnahmslos zerknirschte Gesichter machten. „Es ist ja nicht das erste Mal, dass wir einen 1:0-Vorsprung weggeben“, grantelte van Gaal. „Dass Hannover 96 wieder vor uns steht, ist sehr bitter“, flüsterte Bastian Schweinsteiger, „aber wir sind daran selbst schuld.“

Damit hatte der Nationalspieler nichts als die Wahrheit ausgesprochen. Denn es hatte schon etwas von Tragikomik und Dummheit, wie sich die Bayern nach der frühen Führung von Thomas Müller vom Kurs abbringen ließen. Und wie blank die Nerven liegen, demonstrierte Arjen Robben, der sich wegen einer Beschimpfung von Schiedsrichter Knut Kircher nach Schlusspfiff die Rote Karte einhandelte. Zwar entschuldigte sich der Holländer danach beim Unparteiischen und zeigte öffentliche Reue („Ich war sauer und enttäuscht, ich habe zu viel gesagt: Das war nicht gut“), doch einen Anpfiff setzte es trotzdem. „Die Entschuldigung ist zu spät“, klagte van Gaal. „Ein Profi muss sich unter Kontrolle haben und darf sich nicht gehen lassen.“

Der zweite Münchner Sündenbock stand an diesem sonnigen Nachmittag im Tor. Thomas Kraft missglückten nach einer Stunde ein Ausflug jenseits des Strafraums und ein Befreiungsschlag derart, dass sich Christian Eigler per Volleyschuss von der Seitenauslinie aus gut 40 Metern bedankte. „Das Tor ist leer, ich treffe ihn gut, dann ist er gefühlte fünf Minuten unterwegs“, beschrieb Eigler lächelnd seinen Glückstreffer. Van Gaal, der sein Torwarttalent erst in der Winterpause gegen internen Widerstand zur Nummer eins befördert hatte, rückte bereits von Kraft ab. „Auf unser Tor ist nur ein Ball gekommen“, sagte Bayerns Trainer, „das war ein Tor – und dieses Tor haben wir selbst verursacht.“ Auf die Frage nach einem möglichen Torwarttausch fürs kommende Spitzenspiel gegen Bayer Leverkusen reagierte der talentfördernde Lehrmeister ausweichend: „Spieler sind Menschen, und Menschen können Fehler machen. Aber mein Vertrauen hat Grenzen. Ich muss sehen, wie er die nächsten Tage reagiert.“ Vermutlich kommt Routinier Jörg Butt in dieser erfolglosen Bayern-Saison doch noch zu einem Comeback.

Auf ihrem Weg zurück vom Stadion in die Umkleidekabine tollen die siegreichen Profis von Hannover 96 gerne wie kleine Jungs herum. Gestern, als sie auch ihren hartnäckigen Verfolger Mainz 05 mit 2:0 (1:0) besiegt hatten, gab es wieder euphorischen Jubel zu hören und so manchen Schabernack zu sehen. Die Mannschaft war soeben von einer Ehrenrunde im mit 48 000 Zuschauern gefüllten Stadion zurückgekehrt. Die Fans hatten erneut vom Europapokal gesungen. Und der Blick auf die Tabelle, in der Hannover 96 wieder auf dem dritten Rang noch vor dem FC Bayern München geführt wird, ließ die erstklassige Stimmung weiter steigen. „Europäischer Fußball? Wir sind dabei. Ich habe keine Zweifel mehr“, sagte etwa Sergio Pinto, der überragende Spieler im 96-Team.

Die böse Frage, ob der Sieg gegen Mainz glücklich oder verdient war, wischt ein geradliniger Typ wie Pinto mit wenigen Worten vom Tisch. „Wir arbeiten hier hart und werden nicht nachlassen“, versicherte der Portugiese, der den Führungstreffer durch Ya Konan in der 45. Minute vorbereitet und das erlösende 2:0 in der 59. Minute selbst erzielt hatte. Zu dem Arbeitssieg gegen die Mainzer, die für ihre Verhältnisse recht zurückhaltend aufgetreten waren, hatte Sekunden vor der Halbzeit Schiedsrichter Thorsten Kinhöfer einen Beitrag geleistet. Nach Pintos herrlichem Pass war der Mainzer Verteidiger Nikolce Noveski im Zweikampf mit Mohammed Abdellaoue so ungeschickt zu Werke gegangen, dass der Unparteiische auf ein elfmeterreifes Foul und Platzverweis entschied. Kinhöfers Urteil war hart, aber wohl vertretbar und brachte die Mainzer außer Tritt. „Wir wollten hier gefährliche Nadelstiche setzen“, sagte Mainz’ Trainer Thomas Tuchel, der aber mit seiner Elf an Grenzen stieß und von Hannover im Kampf um einen Platz im europäischen Geschäft auf Distanz gehalten wurde.

Das Duell zwischen Hannover und Mainz war über weite Strecken ein zähes Ringen, weil beide Trainer keinen taktischen Fehler begehen zu wollen. Sowohl 96-Chefcoach Mirko Slomka als auch der Mainzer Tuchel verordneten ihrem Team angesichts der Konterstärke des Gegners eine zurückhaltende Spielweise. Die beiden besten Gelegenheiten für die Mainzer vergab Stürmer Sami Allagui. Auf der anderen Seite war Hannover wie gewohnt gefährlich, wenn Ya Konan seine Schnelligkeit ausspielte.

Dass die Fans in Hannover ihren Liebling dennoch voller Bewunderung feierten, lag an seiner Treffsicherheit vom Elfmeterpunkt und seinem unermüdlichen Einsatz. Ya Konan ist und bleibt der Erfolgsgarant für die Niedersachsen. Die Aussicht darauf, dass Hannover 96 die Saison vor dem FC Bayern München beenden könnte, zauberte ihm wieder ein Lächeln ins Gesicht. „Wenn Gott uns die Champions League gibt, dann ist es gut“, sagte Ya Konan.

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