Mythen und Statistik : Was ein Fuß wissen muss

Wissenschaftler finden immer mehr über den Fußball heraus. Sie denken, dass ihre Erkenntnisse Spielern und Trainern weiterhelfen. Aber dafür ist das Spiel zu komplex.

Verena Friederike Hasel,Mathias Klappenbach

Es ist statistisch gesehen egal, ob man über die Flügel oder durch die Mitte angreift

Eigentlich kann es dem Torwart egal sein, wenn der Gefoulte seinen Elfmeter nicht selbst schießen will. Aber Oliver Kuß ließ dieser Aberglaube keine Ruhe, als er Ende der 80er im Tor des Wildensteiner Dorfvereins stand. Vielleicht zeichnete sich damals schon ab, was Kuß einmal werden würde: ein Statistiker und damit ein Mensch, der ungeprüfte Annahmen nicht einfach stehen lässt. Vor kurzem hat Kuß, der an der Uni Halle arbeitet, dann auch überprüft, was an dieser Überzeugung, dass der Gefoulte den Elfmeter nicht selbst schießen soll, dran ist. Von 853 Bundesliga-Foulelfmetern, die er sich ansah, wurden nur 102 von den Gefoulten selbst geschossen. Zu Unrecht, wie Kuß herausfand: Nach seiner Analyse lag die Trefferquote bei etwa 75 Prozent, egal, ob der Gefoulte oder ein anderer schoss.

Diese recht einfache Statistik zeigt, dass der Gefoulte ruhig selbst schießen kann – wenn er nicht abergläubisch ist. Dass „nur“ 102 der Gefoulten geschossen haben, verwundert aber überhaupt nicht, wenn man daran denkt, dass die meisten Mannschaften einen festen Schützen haben. Insofern könnte man die Quote auch so deuten, dass es diesen als Ausgangspunkt behaupteten Aberglauben gar nicht gibt. So richtig passt der Wissenschaftler nicht auf das Fußballfeld, und doch treibt er sich dort inzwischen häufig herum. Gerade ist in England ein Buch erschienen, der Titel: „Myths and Facts about Football“. Versammelt sind dort Studien, die Fußballweisheiten überprüfen, zu den Heraus gebern gehört auch Carsten Schmidt von der Uni Mannheim.

Zum Beispiel geht es darum, ob es wirklich ein Grund zur Freude ist, wenn das Rückspiel zu Hause stattfindet. Dass es den Heimvorteil gibt, haben viele Untersuchungen bestätigt, und er ist auch plausibel: Die Spieler müssen keine beschwerliche Reise auf sich nehmen, sie haben ihre Fans um sich, und die Schiedsrichter entscheiden eher zu ihren Gunsten. Ob es aber auch einen speziellen Rückspiel- Heimvorteil gibt, haben die Wissenschaftler Lionel Page und Katie Page anhand von 6182 Spielen – mit jeweils Hin- und Rückspiel – überprüft. Das Ergebnis: Die Mannschaft mit dem Rückspiel zu Hause gewinnt mit einer Wahrscheinlichkeit von 54,3 Prozent. Ein kleinerer Vorteil also, als man meist denkt, aber immerhin. Und eine kleine Bestätigung einer oft zitierten Weisheit.

Zuschauer beeinflussen jedoch nicht nur die Spieler, sondern auch den Schiedsrichter. Belege für deren Parteilichkeit gibt es inzwischen viele, etwa in der spanischen Primera Division. Dort, so fand Luis Garicano heraus, räumen die Schiedsrichter weniger Nachspielzeit ein, wenn die Heimmannschaft vorne liegt – so als wollten sie sicher stellen, dass das Team diesen Vorsprung nicht wieder verliert.

Mit dem Torwart beim Elfmeter haben sich Ofer Azar und Michael Bar-Eli beschäftigt. Der Torwart muss unter Zeitdruck – innerhalb von 0,3 Sekunden ist der Ball im Tor – eine schwere Entscheidung treffen: Soll er nach rechts oder links hechten oder aber stehen bleiben? In 90 Prozent der untersuchten Fälle hechteten die Torwarte – obwohl das gar keine erfolgversprechende Strategie ist. So gehalten werden konnte der Ball nur mit einer Wahrscheinlichkeit von 14 Prozent. Blieben die Torwarte dagegen stehen, stieg sie auf 33 Prozent. Diese offenbar unangebrachte Vorliebe der Torwarte fürs Hechten nannten die Wissenschaftler das Aktions-Bias. Nichtwissenschaftlich ausgedrückt heißt das: Hauptsache, man tut was.

Auch wenn es nicht hilft, gibt es zumindest die Illusion von Kontrolle. Ein Torwart, der sich mit Statistik auskennt, hätte Deutschland bei der WM 1974 also vielleicht geholfen. Damals hechtete Torwart Sepp Maier beim Elfmeter des Holländers Johan Neeskens nach links, der Schütze zielte allerdings in die Mitte. Das war das 1:0 für Holland. Deutschland gewann aber 2:1. Und natürlich weiß niemand, ob das auch so gekommen wäre, wenn die deutsche Mannschaft nicht in Rückstand geraten wäre. Vielleicht war es ja gerade gut so.

Die Wissenschaftler sagen, dass wegen der Komplexität des Spiels viele gängigen Annahmen unbegründet sind. Bei ihren Untersuchungen müssen sie aber selbst von Annahmen ausgehen. Stellt man diese aber infrage, wird schnell deutlich, dass viele davon mit dem selben Komplexitätsargument sehr stark relativiert werden können.

Vor kurzem ist das „Lexikon der Fußballirrtümer“ von Roland Loy erschienen. Der Sportwissenschaftler hat die A-Trainer-Lizenz, lange Zeit Dossiers etwa für den damaligen Nationalmannschaftsteamchef Franz Beckenbauer (von wegen: „Geht’s raus und spuit’s Fußball“) erstellt, und sagt beim ZDF Johannes B. Kerner in den Ohrhörer, dass gar nicht so viele direkte Freistöße von außen zu Toren führen, wie gerade von Bundestrainer Joachim Löw im Fernsehstudio behauptet wird. Loy ist näher am Ball als viele andere Wissenschaftler und hat ein paar durchaus interessante Dinge herausgefunden. Etwa, dass Mannschaften, die weniger in Ballbesitz sind als der Gegner, mehr Spiele gewinnen als jene, die sich häufiger in Ballbesitz befinden. Obwohl er einräumt, dass der Gegner kein Tor schießen kann, wenn man selbst den Ball hat, schließt Loy daraus, dass Spieler und Trainer es doch in Zukunft unterlassen sollten, dem Ballbesitz eine entscheidende Bedeutung zuzumessen.

Er fordert auf den 300 Seiten seines Buches ständig, viele der gängigen Weisheiten wie die, dass Angriffe über die Flügel erfolgversprechender seien, als bloße Mutmaßungen zu kennzeichnen. Weil man „Galaxien“ davon entfernt sei, die Komplexität des Spiels mit seinen tausenden kleinen Aktionen zu verstehen. Nach seinen Berechnungen führen zum Beispiel 1,5 Prozent aller Angriffe zum Torerfolg, egal, ob sie über außen vorgetragen werden oder durch die Mitte. Und es siegt häufiger die Mannschaft, die weniger Zweikämpfe gewinnt.

Daraus kann man schließen, dass es vielleicht darauf ankommt, bestimmte Zweikämpfe in bestimmten Situationen zu gewinnen. Wie ein Trainer seinen Spielern beibringen soll, unwichtige Zweikämpfe zu verlieren, weil das ihre Chancen auf den Sieg erhöht, sagt die Wissenschaft nicht. Der Coach muss aber jeden Tag real handeln, einen Trainingsplan für zwei Dutzend Individuen erstellen, und Samstag ist ein Spiel.

Laut einer anderen Untersuchung von Loy schießt Schalke auch nicht mehr Tore, seit die Spieler den Ball im Schnitt nicht mehr länger als zwei Ballkontakte haben und schneller weiterspielen. Er kann aber nicht die Gegenprobe machen, ob sie weniger Tore schießen würden, wenn sich das nicht geändert hätte, weil die Gegner einem inzwischen weniger Zeit und Raum lassen, mit dem Ball etwas anzufangen, bevor sie ihn in ihren Besitz bringen.

Die einzige Wissenschaft, auf die sich die Coaches ein bisschen verlassen können, ist die der computergesteuerten Beobachtung für Laufwege und taktisches Verhalten der Spieler, weil sie Anregungen für direkte Verbesserungen bietet. Alles andere bleibt trotz aller universi tären Wissenschaft ein komplexes Gebilde aus mündlich überlieferter Geschichte des Spiels, Intuition und dem Bemühen der Menschen, dem zweifellos vorhandenen Einfluss des Zufalls im Fußball möglichst viel Wahrscheinlichkeit aufzuzwingen. Hoffentlich bleibt das für immer so.

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