Nach Attacken in Dortmund : Die BVB-Fanszene ist aus dem Gleichgewicht geraten

Nach den Angriffen auf Fans von RB Leipzig muss sich Borussia Dortmund auf Sanktionen einstellen. In der Dortmunder Ultraszene tobt seit geraumer Zeit ein Machtkampf.

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Die Worte zu den Taten. Auf den Rängen des Dortmunder Stadions waren Plakate zu sehen, die sich gegen RB Leipzig richteten.
Die Worte zu den Taten. Auf den Rängen des Dortmunder Stadions waren Plakate zu sehen, die sich gegen RB Leipzig richteten.Foto: Schürmann/AFP

Und jetzt? Am Sonntag hatte Sprachlosigkeit regiert, und auch am Montag, zwei Tage nach diesem denkwürdigen Abend, hatten sie bei Borussia Dortmund sichtlich Probleme mit dem, was rund um das Bundesligaspiel gegen Rasenballsport Leipzig passiert war. Hans-Joachim Watzke meldete sich zu Wort. Der Geschäftsführer der Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA ist für gewöhnlich ein eloquenter Plauderer, aber diesmal stockte seine Stimme, immer wieder presste er die Lippen zusammen und rang mit sich. „Liebe Fußballfans“, sprach Watzke und musste sofort schlucken.

Waren das wirklich Fußballfans, die da am Samstagabend im und um das Dortmunder Stadion gewütet hatten?

Borussias Stadionsprecher Norbert Dickel eröffnet die schwarz-gelben Fußballfeste immer mit dem Satz: „Ich begrüße im schönsten Stadion der Welt die besten Fans der Welt. Ich begrüße die Fans von Borussia Dortmund!“ Das mit dem schönsten Stadion ist Geschmackssache, aber das mit den besten Fans der Welt glaubt schon lange niemand mehr, der sich eingehend mit dem Revierklub beschäftigt. Schon gar nicht nach den widerlichen Vorfällen rund um das Bundesligaspiel gegen Leipzig, bei der einige hundert Kriminelle Jagd auf die Fans des Gegners machten und die Gäste aus Sachsen mit Pflastersteinen, Dosen, Flaschen, Farbbeuteln und Mülleimern bewarfen. Dazu kamen antisemitische Schmähungen und geschmacklose Transparente wie „Burnout-Ralle, häng Dich auf!“, gegen Leipzigs Sportdirektor Ralf Rangnick. Dieser war 2011 als Trainer von Schalke 04 wegen psychischer Probleme zurückgetreten.

Aufnahmen aus dem Stadion werden ausgewertet

Am Montag nun wandte sich Watzke auf der Dortmunder Homepage mit einer Videobotschaft an das irritierte Fußballvolk: „Auch zwei Tage nach den Ereignissen vom Spiel gegen Leipzig sind wir immer noch schockiert über diese massive Gewalt.“ Es folgte eine Solidaritätsadresse an verletzte Leipziger Fans und Dortmunder Polizisten, verbunden mit der Zusicherung: „Wir arbeiten mittlerweile mit Hochdruck an der Aufklärung.“ Es gebe erste Erfolge, „wir haben das Gefühl, dass wir erste Täter haben ermitteln können“. Das Dortmunder Stadion ist mit Präzisionskameras ausgerüstet, deren Aufnahmen gerade ausgewertet werden.

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Als Rädelsführer gilt die neue, rechtsgerichtete Gruppierung „0231Riot“, die sich aus der Dortmunder Ultraszene abgespalten und radikalisiert hat. Nicht erst seit Samstag ist in Dortmund einiges aus dem Gleichgewicht geraten. „Was hier vorgefallen ist, hat Spuren hinterlassen“, sagtet Tobias Westerfellhaus, Vorstandsmitglied der Fanabteilung des BVB. „Die Menschen sind alarmiert, es herrscht eine deutlich wahrnehmbare Unruhe in der Stadt.“

De Maizière fordert harte Reaktion der Justiz

Die Vorkommnisse beschäftigen nicht nur die Revier-Metropole, sondern ganz Deutschland. So schrieb Jürgen Zielinski, im Ruhrgebiet geboren, BVB-Fan und seit 2002 Intendant des Theaters der Jungen Welt in Leipzig, die Jagdszenen vom Samstag provozierten „auch Fragen in Richtung Geschäftsführer Watzke (…), den ich als tatbefördernden Brandstifter bezeichnen möchte und somit zum Rücktritt auffordere“. Zielinski bezichtigt Watzke einer Mitschuld, weil er mit kritischen Äußerungen gegenüber dem als Marketingprodukt gegründeten Konstrukt RB Leipzig die jüngste Eskalation begünstigt habe.

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Der Leipziger Fanklub „Bornaer Bullen“ ließ Watzke ausrichten: „Sie stehen persönlich zumindest moralisch für Gewalt- und Hassexzesse Ihrer Anhänger gegenüber den RB-Leipzig-Fans.“ Und: „Sie persönlich sind verantwortlich für den Hass, der uns entgegenschlug! “ Watzke hatte zuletzt öfter die fehlende Tradition und die kommerzielle Ausrichtung des Leipziger Projekts kritisiert, etwa mit der Bemerkung: „Bei Rasenballsport, wie sie ja tatsächlich heißen, haben wir das erste Mal den Fall, dass da nichts, aber auch gar nichts historisch gewachsen ist.“

Der Deutsche Fußball-Bund hat Ermittlungen aufgenommen, mag sich über mögliche Sanktionen gegen den BVB aber noch nicht äußern. Innenminister Thomas de Maizière (CDU) forderte in der „Bild“-Zeitung „eine schnelle und harte Reaktion der Justiz, damit alle wissen, was ihnen droht, wenn man sich so verhält“. Er sagte: „Wer Steine und Getränkekisten auf Polizisten schleudert und dabei nicht mal auf Familien und Kinder Rücksicht nimmt, ist in Wahrheit kein Fußballfan und gehört nicht ins Stadion, sondern hinter Schloss und Riegel.“

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