Nach dem 0:2 beim FC Bayern : Hertha BSC und die erträgliche Niederlage

0:2 bei den Rekord-Bayern - wird das noch als Niederlage gewertet? Hertha BSC zieht jedenfalls positive Erkenntnisse aus dem jüngsten Spiel - und hofft auf die Fortsetzung einer Statistik.

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Keine schweren Gedanken. Herthas Trainer Pal Dardai konnte mit dem Auftritt seines Teams in München recht zufrieden sein.
Keine schweren Gedanken. Herthas Trainer Pal Dardai konnte mit dem Auftritt seines Teams in München recht zufrieden sein.Foto: dpa

Pal Dardai genoss noch ein wenig die Einsamkeit. Die Spieler waren längst in der Kabine, der Trainer von Hertha BSC aber blieb alleine auf dem Trainingsplatz zurück und lief noch eine letzte Runde. Auf den ersten Blick hätte man den Eindruck gewinnen können, dass Dardai noch etwas mit sich allein auszumachen hätte, dass er nach der Niederlage vom Vortag die schweren Gedanken aus seinem Kopf laufen wollte. Nur: Pal Dardai hatte gar keine schweren Gedanken.

Warum auch? Ein 0:2 bei den Über-, den Rekord-, den Unschlagbar-Bayern – wird das überhaupt noch als Niederlage gewertet? Oder ist das für einen Klub wie Hertha nicht schon ein kleiner Sieg? „Im Großen und Ganzen haben wir uns ordentlich geschlagen“, sagte Linksverteidiger Marvin Plattenhardt. „An der Stimmung in der Mannschaft hat sich nichts großartig geändert.“ Der VfL Wolfsburg und Borussia Dortmund, die ganz andere Möglichkeiten haben als die Berliner und ganz andere Ambitionen verfolgen, wären froh, wenn sie mit einem 0:2 bei den Bayern davongekommen wären. Bei ihnen hieß es am Ende jeweils 1:5. „Wir haben nicht die Riesenklatsche gekriegt“, sagte Pal Dardai. Da kann man nicht unzufrieden sein.

Auswärtsspiele in München laufen außer Konkurrenz

Auswärtsspiele in München laufen inzwischen außer Konkurrenz, die üblichen Kriterien zählen dort nicht mehr. Selbst Dardais Frau hat ihrem Mann am Samstag gesagt: „Zu deiner Zeit als Spieler konnte man die Bayern noch schlagen. Jetzt sind die viel besser als der Rest.“ Inzwischen geht es nur noch um Schadensbegrenzung. Selbst für Gegner, die wie Hertha in der Tabelle weit oben geführt werden.

Die Schadensbegrenzung ist den Berlinern leidlich gelungen. Eine halbe Stunde hielt ihre Defensive dem Druck der Bayern stand. „Gegen den Ball haben wir ordentlich gespielt“ sagte Dardai. „Mit Ball war das, was wir geplant hatten, nicht so deutlich zu sehen.“ Eigentlich wollte Hertha nach Ballgewinn entschlossen umschalten und die Bayern damit zumindest punktuell in Bedrängnis bringen. Auch deshalb hatte sich der Ungar kurzfristig für Vedad Ibisevic als Stoßstürmer entschieden, der von Salomon Kalou und Genki Haraguchi auf den Außenpositionen unterstützt werden sollte. „Es hat nicht ganz geklappt“, gab Dardai zu. Stringente Spielzüge brachte Hertha viel zu selten zu Wege. Einen einzigen Ball musste Bayerns Torhüter Manuel Neuer halten. „Da hat diese innere Ruhe gefehlt“, sagte Dardai. „Das ist nicht schlimm. Das ist gegen Bayern München.“

In Spielen gegen die Bayern zählen inzwischen andere Bewertungsmaßstäbe. Die B-Note scheint wichtiger zu sein als die A-Note, die ohnehin immer zugunsten der Münchner ausfällt. 13 seiner 14 Saisonspiele hat der Rekordmeister bisher gewonnen. Nie zuvor in der Geschichte der Fußball-Bundesliga hatte eine Mannschaft zu diesem Zeitpunkt bereits 40 Punkte. Für die Gegner der Bayern kommt es nicht mehr vorrangig auf das Ergebnis an, sondern auf die Haltung und den künstlerischen Gesamteindruck. „Du bist nicht kaputt gespielt worden. Die Bayern haben uns nicht auseinander genommen“, sagte Dardai. „Man hat gesehen, dass die Spieler wollten, die Körpersprache war auch okay.“ Mehr kann man als Auswärtiger in München im ausgehenden Jahr 2015 offensichtlich nicht erwarten.

Nach einer Niederlage hat Hertha in dieser Saison immer gewonnen

Es ist schon ein bisschen schizophren, dass Bayerns Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge bei der Mitgliederversammlung am Tag vor dem Spiel gegen Hertha mehr Geld aus dem Fernsehvertrag gefordert hat, damit die Bayern auch künftig in Europa wettbewerbsfähig bleiben. In der nationalen Liga ist der Wettbewerb längst ausgehebelt. Einem Sportler, der in der Regel antritt, um zu gewinnen, muss es eigentlich in der Seele weh tun, wenn er knappe Niederlagen gegen die Bayern schon als Erfolg feiern muss. „Das tut schon weh“, sagte Dardai. Aber wer weiß, wozu es gut ist? „Bis jetzt haben wir es gut gemacht und nach Niederlagen immer gleich eine Antwort gegeben.“ Jeder der vier Saisonniederlagen ließ Hertha im folgenden Spiel einen Sieg folgen. Mal sehen, ob das auch nach einer Niederlage gilt, die gar nicht als Niederlage gilt.

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