Nach dem Desaster gegen Island : Neues, altes England

Sie wollten wieder eine Fußballmacht sein. Doch das junge Team enttäuschte bei der EM in Frankreich – wieder einmal bleibt nur die Hoffnung auf die Zukunft.

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Erst kaltblütig, dann schwermütig. Wayne Rooney konnte England nicht vor der Blamage retten. Foto: Reuters/Pfaffenbach
Erst kaltblütig, dann schwermütig. Wayne Rooney konnte England nicht vor der Blamage retten. Foto: Reuters/PfaffenbachFoto: REUTERS

Das Bild des Grauens findet seine Aufnahme, als gerade alles vorbei ist. Am Strafraum, den die Engländer so phantasie- wie erfolglos belagert haben, direkt vor dem fassungslosen Anhang, der sich auf vier Wochen in Frankreich eingerichtet hat und jetzt nach Hause reisen muss. Die englischen Spieler sinken zusammen, sie kosten ein letztes Mal den Geschmack des grünen Gras von Nizza und mögen nicht hochschauen. Es braucht Zeit zum Verstehen. 1:2 gegen Island. „Das ist beschämend“, spricht Wayne Rooney, der Kapitän und Anführer von Manchester United. „Wir sind alle schwer enttäuscht. Und wir wissen, dass nur wir daran schuld sind.“

Der hilflose Rooney

Rooney ist an diesem Abend so gut wie gar nichts gelungen, mal abgesehen von dem frühen Elfmeter, verwandelt zum Führungstor mit einer Kaltblütigkeit, wie sie dem englischen Team später komplett abging. Danach aber ist Rooney nur noch hilflos über den Rasen von Nizza gestolpert, immer wieder verspringt ihm der Ball, Pässe gehen ins Irgendwo und Schüsse Richtung Tribüne. Island schießt zwei schnelle Tore und hat danach keine Mühe, das ideenlose Anrennen des Gegners abzuwehren. England ist im Status einer alten und doch wieder kommenden Weltmacht zur Europameisterschaft gereist. Es fährt zurück als eine Ansammlung von millionenschwerem Talent, das sich nicht gegen die angeheiterten Burschen eines Junggesellenabschieds aus der Provinz durchsetzen kann. Der Brexit vom vergangenen Freitag wirkt wie ein wohl durchdachtes Projekt im Vergleich zur Perfomance von Nizza.

Die teuerste Liga der Welt

„Englands Absturz aus Europa – zweimal innerhalb einer Woche“, titelt der „Daily Mirror“. England hat die teuerste Liga der Welt, aber sie wird dort vertreten von einer Ansammlung unbedarfter Dilettanten. Jamie Vardy ist auch dabei, der Stürmer von Leicester City. Vardy steht für ein anderes, für ein überraschendes England. Im Frühling hat er mit Leicester City die Meisterschaft gewonnen, es war der größte Außenseiter-Triumph ever, ein Erfolg der guten alten Kameradschaft über das frische ausländische Geld.

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Seit Montag steht Vardy für zwei Sensationen, auf die zweite hätte er ganz gern verzichtet. Er hat es im reifen Alter von 29 Jahren in die Nationalmannschaft geschafft und zum Hoffnungsträger für die EM. Vor ein paar Wochen, als die Engländer in Berlin gastierten, hat er das Spiel mit einem grandiosen Hackentrick gewendet und seiner Mannschaft den Status eines Geheimfavoriten beschert. Jamie Vardy entschwindet wortlos in die Nacht von Nizza.

Zeit für einen Wechsel?

Roy Hodgson betritt die Bühne. Taubenblauer Anzug, weißes Hemd, das graue Haar sorgfältig zurückgekämmt. Der englische Trainer hat zu Ostern in Berlin eine Mannschaft präsentiert, die den Weltmeister nach einem 0:2-Rückstand besiegte, ein neues England, das alte Werte neu beleben wollte und von dem Hodgson sagte, das seine besten Tage noch vor ihm liegen. Wo war dieses England am Montagabend in Nizza? Hodgson räuspert sich, er zieht ein Manuskript aus der Tasche seines Jackets, vor der Verlesung scherzt er mit den englischen Reportern. „Ihr wollt mich, oder?“ Dann referiert er. Über eine großartige Reise über vier Jahre, so lange ist er schon im Amt. Jetzt hatten sie große Ziele, aber es hat leider nicht geklappt, „deswegen ist es an der Zeit, dass ein anderer übernimmt“, er stehe jedenfalls nicht mehr zur Verfügung. Hodgson lacht. Er wirkt entspannt und hat seine Rücktrittserklärung ganz bestimmt nicht spontan in der Kabine nach dem Debakel von Nizza verfasst. Anders als seine Mannschaft ist er perfekt vorbereitet, aber wahrscheinlich war seine Rede eher für ein mögliches Aus im Viertelfinale von Saint-Denis gegen die Franzosen geplant. Es gibt kein Viertelfinale. Hodgson preist seinen Stab, von der Putzfrau bis zum Co-Trainer, dann steht er auf und geht. Nein, keine Fragen mehr. Hodgson entlässt England in die Ratlosigkeit.

Katastrophen der Vergangenheit

1:2 gegen Island. Was gibt es an vergleichbaren Katastrophen? 1950 in Brasilien, als die Engländer sich zum ersten Mal bequemten, an einer Weltmeisterschaft teilzunehmen, was zuvor unter ihrer Ehre war, denn als Erfinder des Fußballs fühlten sie sich als automatischer und selbstverständlicher Weltmeister. Bis sie dann 1950 in Belo Horizonte 0:1 gegen das damalige Fußball-Entwicklungsland USA verloren. Die Zeiten waren anders, mit Mundpropaganda und Telegrammen und so. Als die Zeitungsredaktionen in der Heimat das Ergebnis gekabelt bekamen, glaubten sie an einen Übermittlungsfehler und machten aus dem 0:1 ein 10:1 und ein paar Wochen später war alles vergessen. So einfach ist das heute nicht mehr. Die ganze Welt hat zugeschaut und sich köstlich amüsiert über den Fehltritt einer Mannschaft, die wieder eine Weltmacht sein wollte und doch nur fortgesetzt hat, was die englische Bevölkerung in Sachen Brexit verfügt hat, nämlich einen Abschied aus Europa.

Wayne Rooney will weitermachen, „wenn mich Roys Nachfolger ruft, dann bin ich dabei“. Und: „Unsere Zukunft leuchtet, auch wenn das zurzeit schwer zu erkennen ist.“ Aber wer will jetzt an die Zukunft denken?

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