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Nach dem schweren Sturz von Lukas Müller : Skifliegen: Wenn die Angst mitspringt

Der schwere Sturz von Lukas Müller hat erneut die Frage aufgeworfen, wie gefährlich das Skifliegen ist. Eine Prognose für den 23 Jahre alten Österreichers traut sich momentan niemand zu.

Christoph Geiler

Normalerweise stellt sich bei Skiflug- Wettbewerben immer nur eine Frage: Wie weit geht’s? Am Kulm interessierte sich gestern kaum jemand für Höchstweiten oder Haltungsnoten. Die Frage, die alle bewegte, lautete: Wie geht’s Lukas Müller? Jenem Kärntner Vorspringer, der am Mittwoch beim sogenannten Einfliegen auf der Flugschanze gestürzt war und sich bei diesem Unfall eine schwere Halswirbelverletzung zugezogen hatte.

Laut den Ärzten, die den 23-Jährigen in Graz notoperiert haben, ist der Eingriff an der Wirbelsäule gut verlaufen, Müller ist stabil und bei Bewusstsein. Die Folgen der Verletzung sind aber noch nicht absehbar. Eine neurologische Symptomatik sei nicht auszuschließen, heißt es . Das bedeutet: Lukas Müller könnte von diesem Sturz bleibende Schäden davongetragen haben. „Positiv ist, dass er eine gewisse Sensibilität in den Beinen gespürt hat“, erklärte Jürgen Barthofer, der Arzt des Österreichischen Skiverbandes (ÖSV).

Müllers Unfall hat wieder einmal deutlich gemacht, wie gefährlich das Skifliegen ist. Videoaufnahmen zeigen, dass der Kärntner in der Luft den Halt in seinem Schuh verloren hatte. Ob die Schuhschnalle nicht richtig geschlossen war, oder ob sie durch die enormen Kräfte, die beim Skifliegen herrschen, aufgegangen ist, wird sich wohl nie klären lassen.

Ein Arzt spricht von "noch nicht vorhersehbaren Folgen"

Absolute Sicherheit gibt es nicht, obwohl die Schanzen umgebaut wurden, obwohl es inzwischen riesige Windnetze gibt, obwohl die Geschwindigkeiten und Luftstände deutlich niedriger sind als noch vor 30 Jahren. Ein Restrisiko bleibt, wenn jemand mit 100 Stundenkilometern Kopf voraus durch die Luft fliegt. Zumal die Springer nur das Nötigste tragen. Lediglich Helme sind Pflicht. Airbag-Westen, wie sie einige Abfahrer verwenden, sind kein Thema. Dafür sind seit 2014 dünne Rückenprotektoren erlaubt, allerdings nutzen die nur wenige Springer, da beim Skispringen jedes Gramm zählt und ein Protektor Auswirkungen hat auf Aerodynamik und den Flugstil.

„Es war früher sicher deutlich gefährlicher“, erinnert sich Toni Innauer, „aber im Grunde bleibt das Skifliegen ein Spiel mit dem Feuer. Da können in der Luft solche Energien und Kräfte frei werden, dass man irgendwann überfordert ist“, sagt die österreichische Skisprung-Legende.

ÖSV-Arzt Peter Baumgartl hat bei Skifliegern einen Adrenalinwert festgestellt, der jenem von Menschen in Todesangst gleicht. Das Skifliegen sorgt bei den Sportlern für gemischte Gefühle, Faszination und Furcht halten sich die Waage. „Man merkt es den Leuten an, dass sie anders drauf sind. Manche werden ganz ruhig, andere sind richtig aufgedreht“, erklärt der Österreicher Martin Koch, der in seiner Karriere 137-mal über die 200-Meter-Marke geflogen ist und an einem Skiflug-Wochenende bis zu drei Kilogramm abgenommen hat. „Der Körper ist permanent in Alarmzustand.“ ÖSV-Sportdirektor Ernst Vettori hat seine Skiflug-Karriere aus diesem Grund vorzeitig beendet. Bei der WM 1986, ebenfalls am Kulm, waren vor ihm etliche Springer schwer gestürzt: „Ich hab’ dann zwischen dem ersten und zweiten Durchgang meine Sachen gepackt und aufgehört. Das war mein letztes Skifliegen“, sagt Vettori. „Mit Angst darfst du nicht auf die Schanze.“

Die Athleten fliegen heute zwar deutlich weiter als vor 30 Jahren, aber es ist bei weitem nicht mehr so gefährlich wie damals, als praktisch bei jedem Wettbewerb ein Springer im Krankenhaus landete. „Wir hatten noch 120 Stundenkilometer im Anlauf und Luftstände von zehn Metern und mehr“, erinnert sich Vettori. Am Kulm beträgt die Anlaufgeschwindigkeit gerade einmal 100 Stundenkilometer, auch die Flugkurve ist deutlich flacher als früher. Auch der V-Stil hat das Skifliegen sicherer gemacht: Diese Technik sorgt für eine stabilere und ruhigere Flugposition in der Luft.

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