Nach Niederlage gegen Kiew : Zweifel an Gladbachs Kader

Nach der Champions-League-Niederlage gegen Kiew äußert Mönchengladbachs Trainer Favre grundsätzliche Zweifel am Kader. Ein bisschen spät vielleicht, angesichts der großen Ausgabesummen im Sommer.

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Falsche Seite. Luuk de Jong (m.) ist der teuerste Transfer in der Gladbacher Vereinsgeschichte – gegen Kiew traf der Stürmer zum 1:3 ins eigene Tor.
Falsche Seite. Luuk de Jong (m.) ist der teuerste Transfer in der Gladbacher Vereinsgeschichte – gegen Kiew traf der Stürmer zum...Foto: dpa

Wie die meisten Holländer spricht auch Luuk de Jong ein sehr flüssiges Englisch, am Ende dieses Abends aber gelangte er an die Grenzen seiner sprachlichen Variationsmöglichkeiten. Wobei das mehr an diesem Abend lag als an de Jongs Englischkenntnissen. Innerhalb kürzester Zeit benutzte der Stürmer von Borussia Mönchengladbach dreimal das Wort „Shit“, frei übersetzt Mist. Die eigene Darbietung, die mit einem Eigentor endete, der Auftritt der Mannschaft als Ganzes, das Ergebnis im Play-off-Hinspiel zur Champions League – alles Shit. 1:3 hatten die Gladbacher vor eigenem Publikum gegen Dynamo Kiew verloren. Für das ganz große Spektakel war die junge Mannschaft von Lucien Favre offensichtlich nicht gut genug. „Das heißt ja nicht aus Spaß Champions League“, sagte Rechtsverteidiger Tony Jantschke.

Lucien Favre hatte in den Tagen vor dem Spiel auf seine ständigen Begleiter einen seltsamen Eindruck gemacht. Borussias Trainer, sonst immer ein wenig angespannt, wirkte irgendwie beseelt. Vermutlich war es die Vorfreude auf einen Wettbewerb, den der 54-Jährige als einzig wahren Qualitätsmaßstab für das eigene Tun betrachtet. Von der Vorfreude aber war hinterher nichts geblieben. „Ich hasse das“, sagte Favre, nachdem sein Team zum ersten Mal in seiner nun 17-monatigen Amtszeit mehr als zwei Gegentore kassiert hatte.

Der Abend, auf den er sich so sehr gefreut hatte, erwies sich für den Perfektionisten aus der Schweiz als einziger Horror. Favre bemängelte zu viele leichte Fehler, die jugendliche Unbedarftheit nach dem Ausgleich der Ukrainer („Das müssen wir beherrschen“) und die fehlende Zielstrebigkeit im eigenen Offensivspiel. Borussias Trainer haderte mit der Besetzung im Sturm, in dem er gegen Kiew Neuzugang de Jong, den teuersten Einkauf der Vereinsgeschichte, und Igor de Camargo aufgeboten hatte. „Das sind alles gute Spieler“, sagte er, „aber die Mischung funktioniert momentan nicht.“

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Verglichen mit der Vorsaison wirkte das Offensivspiel der Gladbacher in der Tat wie abgehackt. Bis zum Strafraum lief es ganz gut, aber dann versandete es. Auch in der vergangenen Spielzeit war Borussias Angriff nominell mit zwei Leuten besetzt, de facto aber spielte Favre ohne Stürmer. Marco Reus und Mike Hanke kombinierten sich aus dem Mittelfeld hinter die gegnerischen Linien, vor allem Reus brachte die Tiefe ins Spiel. Für diese Art von Fußball aber sind de Jong und de Camargo nicht zu haben. Kombinationen fanden gegen Kiew nicht statt, nur je zweimal passten sie den Ball zum jeweils anderen. In der taktischen Aufstellung der Uefa liefen die Gladbacher sogar nur zu zehnt auf. Der Kreis mit de Jongs Nummer 9 war komplett von dem mit de Camargos Nummer 10 überdeckt. „Unsere Stürmer sind sich zu ähnlich“, klagte Favre. „Deshalb finden sie nicht die richtige Position.“

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Die Kritik des Trainers an den Möglichkeiten seines Kaders unmittelbar nach Saisonbeginn mutete ein wenig seltsam an, auch wenn nicht ganz klar war, ob sie sich nur auf den Moment bezog, die Mängel also mit intensiver Detailarbeit zu beheben sind, oder ob sie grundsätzlich gemeint war. Immerhin haben die Gladbacher in diesem Sommer 30 Millionen Euro ins Personal investiert – die Erkenntnis, dass der Kader trotzdem nicht richtig ausgewuchtet ist, käme ein bisschen spät.

Favres Kritik erklärt sich auch aus den Erfahrungen seiner Biografie. In Berlin wurden ihm nach einer überraschend erfolgreichen Saison drei seiner besten Spieler weggekauft, genauso wie jetzt in Mönchengladbach. Ein Vierteljahr später war der Schweizer seinen Job los. Der Unterschied ist, dass Hertha BSC damals nicht über die Mittel verfügte, um gleichwertigen Ersatz zu beschaffen. Favre aber fürchtet, dass man nicht nur ohne Geld große Fehler machen kann, sondern auch mit viel Geld. Und für den Fall, dass es wirklich so kommen sollte, will er wenigstens frühzeitig darauf hingewiesen haben.

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