Nationalmannschaft : Das flexible Dogma

Das Null-Stürmer-System schien in der deutschen Nationalelf die neueste Mode zu sein – doch es ist für Bundestrainer Joachim Löw nur eine Möglichkeit von vielen.

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Däumchen drehen. Der deutsche Nationalstürmer Mario Gomez wartet auf seinen nächsten Einsatz.
Däumchen drehen. Der deutsche Nationalstürmer Mario Gomez wartet auf seinen nächsten Einsatz.Foto: dpa

Marcel Schmelzer machte alles wie immer: Er zog außen an seinem Gegenspieler vorbei, flankte den Ball mit dem starken linken Fuß in die Mitte und merkte schon im nächsten Moment, dass Automatismen auch nicht mehr das sind, was sie mal waren: Handlungsanweisungen, auf die man sich blind verlassen kann. „Während der Flanke ist mir eingefallen: Wir haben ja gar keinen da vorne“, berichtete der Linksverteidiger der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Weil die Rolle des klassischen Strafraumstürmers beim 3:0-Sieg der Deutschen in Kasachstan unbesetzt geblieben war, flog Schmelzers Flankenball ins Nichts. Der mögliche Verzicht auf einen echten Angreifer war in den Tagen vor dem WM-Qualifikationsspiel das vorherrschende Thema gewesen. Die Frage, ob es sich dabei um den letzten Schrei der Fußballmode handelt oder eher um eine Notlösung, kann allerdings auch nach dem Abend von Astana noch nicht als abschließend beantwortet gelten. „Das Spiel ist kein Gradmesser“, sagte Torschütze Thomas Müller. „Man erlebt selten Fußballspiele, in denen der Gegner mit zehn Mann so tief steht.“

Die Entscheidung, ob er gegen die Kasachen einen echten Angreifer aufbieten sollte, war Bundestrainer Joachim Löw kurz vor dem Anpfiff abgenommen worden. Mario Gomez klagte über Probleme im Oberschenkel, und weil sich außer ihm kein weiterer Stürmer im deutschen Aufgebot fand, bot Löw Mario Götze als falschen Neuner auf. Der Dortmunder ist 13 Zentimeter kleiner als Gomez und 24 Kilogramm leichter. Natürlich machte sich das bemerkbar. Manchmal hatte man den Eindruck: Da fehlt was, ein Fixpunkt im Sturm, ein konkretes Anspielziel in der Mitte. „Es ist schwierig, wenn man über außen kommt und flanken will“, berichtete Kapitän Philipp Lahm über die Erfahrung mit dem neuen System.

Lahm spielte ein bisschen wie früher, wenn er als Rechtsfuß links in der Viererkette aufgeboten war. Er zog mit dem Ball nach innen – ohne allerdings wie früher die Option zu besitzen, mit seinem starken Fuß den Torabschluss zu suchen. So stockte der Fluss im deutschen Angriffsspiel, der doch eigentlich der Vorteil des Null-Stürmer-Systems sein sollte: weil alles in Bewegung ist, weil Überzahl im Mittelfeld besteht, wenn der Stoßstürmer nicht stur im Strafraum auf Anspiele wartet. Aber wer braucht schon Überzahl im Mittelfeld, wenn der Gegner das Mittelfeld ohnehin komplett freigibt? „Wie im Feldhandball“ kam sich Löw gegen die Kasachen vor, die sich in Mannschaftsstärke an den eigenen Strafraum zurückgezogen hatten und sich nie aus der Defensive locken ließen.

Dazu war den Nationalspielern anzumerken, dass ihnen für das neue Spiel mangels ausreichender Praxis die nötige Systemsicherheit fehlte: Sie liefen auf den gewohnten Laufwegen und vertrauten den eingeübten Automatismen, die diesmal nur bedingt taugten. Und trotzdem gab es Momente, in denen der Plan funktionierte. Bei Müllers Tor zum 3:0 etwa, dem eine Kombination zwischen Mario Götze und Mesut Özil vorausgegangen war, in der die strikte Trennung zwischen Angriff und Mittelfeld endgültig verschwamm.

So ungefähr muss sich der Bundestrainer das vorgestellt haben. In den Tagen vor dem Spiel in Astana hatte Löw in der Systemfrage sehr grundsätzlich geklungen. Große, bullige Stürmer brauche man nicht mehr, nein, „kleine wendige Spieler, die auf engem Raum den robusten und etwas unbeweglichen Innenverteidigern das Leben noch schwerer machen“ – das sei die Zukunft. Nach dem Spiel in Astana hörte sich Löw bei weitem nicht mehr so dogmatisch an. Das Null-Stürmer-System sei eine von mehreren Varianten, sagte er. „Wir werden nie ohne eine Neun spielen. Egal wer da vorne spielt, er muss sich in den Räumen zwischen den Innenverteidigern bewegen.“

Vermutlich gibt es Gegner, gegen die eine Übermacht im Mittelfeld, Variabilität im Angriffsspiel und eine gewisse Unberechenbarkeit wertvoller sind als gegen Kasachstan. Unabhängig davon aber muss der Bundestrainer sein System auch dem verfügbaren Personal anpassen. Da Löw dem Leverkusener Stefan Kießling das höchste internationale Niveau nicht zutraut, stehen ihm mit dem fast 35 Jahre alten Miroslav Klose und Mario Gomez gerade zwei taugliche Angreifer zur Verfügung. Und auch mittelfristig wird sich die Personalsituation auf dieser Position nicht signifikant verbessern. Weil Gomez auch für das Rückspiel gegen die Kasachen am Dienstag in Nürnberg auszufallen droht, hat Löw gestern den U-21-Nationalspieler Patrick Herrmann nachnominiert. Noch so ein Leichtgewicht, schnell und wendig, der den Strafraum mehr aus Erzählungen kennt als aus eigener Erfahrung.

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