Neuer U-21-Nationaltrainer : Stefan Kuntz: "Fangt an, das Spiel zu fühlen"

An diesem Donnerstag spielt die deutsche U 21 in Berlin gegen die Türkei. Im Interview spricht Trainer Kuntz über die Fülle an Talenten, Absprachen mit Jogi Löw - und seine Oma.

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Stefan Kuntz (hier mit dem Wolfsburger Maximilian Arnold) ist seit August Trainer der deutschen U 21. Der frühere Stürmer war als Spieler, wie sein Vorgänger Horst Hrubesch, Europameister. Bis April war er als Vorstandschef beim Zweitligisten 1. FC Kaiserslautern im Amt.
Stefan Kuntz (hier mit dem Wolfsburger Maximilian Arnold) ist seit August Trainer der deutschen U 21. Der frühere Stürmer war als...Foto: dpa

Herr Kuntz, wie viel Horst Hrubesch steckt in Ihnen?

Ich glaube, allzu viel passt da nicht rein, der Horst ist ja ein ganz schöner Brocken (lacht).

Anders gefragt: Hätte es Stefan Kuntz als U-21-Trainer auch ohne seinen Vorgänger Horst Hrubesch gegeben?

Die Frage kann Hansi Flick

… der Sportdirektor des DFB …

… besser beantworten. Aber ich denke schon, dass ich die aktuell gebrauchten Eigenschaften als Trainer der U 21 mitbringe. Zu meiner Zeit war die U 21 allenfalls ein Talentschuppen, in dem Spieler die Spielpraxis bekamen, die sie in ihren Klubs nicht hatten. Heutzutage sind U-21-Nationalspieler fast ausnahmslos Stammspieler in ihren Vereinen, teilweise mit Champions-League- oder Europa-League-Erfahrung. Da hat sich im deutschen Fußball schon einiges verändert.

Wenn Sie die Ansammlung herausragender Talente sehen, fragen Sie sich dann nicht auch manchmal: Womit habe ich das eigentlich verdient?

Nein, das nicht. Wenn, dann haben das sowieso der DFB und die Vereine verdient. Außerdem sehe ich in ruhigen und schwächeren Momenten bei allem Talent eben auch sehr junge Menschen mit sehr viel Entwicklungspotenzial. Meine Oma hat immer gesagt: „Alles hat seine Zeit.“ Und das ist für mich jetzt die richtige Zeit für diese Aufgabe.

Hatten Sie nicht das Gefühl, Ihre Zeit als Trainer schon gehabt zu haben?

Ich weiß, worauf Sie anspielen. Nach meiner Entlassung in Ahlen habe ich gesagt: „Ich glaube, das ist nicht der richtige Job für mich.“ Aber das ist jetzt zwölf Jahre her. Wenn Sie ein dynamischer Mensch sind, der sich immer weiter entwickeln will, werden Sie so etwas immer nur für den Moment behaupten, nie für die Ewigkeit. Sie können ja selbst mal für sich überlegen: Was habe ich vor zwölf Jahren zu einem bestimmten Thema gedacht? Und wie sehe ich das heute? Ich habe das Gefühl, dass es die richtige Zeit ist für diese Art des Trainerjobs. Die Verantwortung schreckt mich nicht. In Kaiserslautern, als Vorstand, habe ich nicht nur 25 Spieler geführt, sondern einen ganzen Verein mit 100 Mitarbeitern. Ich kann ein Team für eine Aufgabe begeistern.

Was war Ihr eigentlicher Plan nach dem Aus beim FCK?

Ein Jahr lang nichts machen.

Hat ja wunderbar geklappt!

Ja, vier Monate sind es geworden, immerhin!

Haben die gereicht?

Ja, weil ich mit so viel neuer Euphorie an die Aufgabe rangegangen bin. Das alles berührt sehr einen ureigenen Trieb in meinem Inneren: für eine Idee begeistern, ein Team bilden, Zusammenhalt schaffen, Potenzial in Menschen wecken.

Hans-Dieter Flick hat erzählt, dass er eher durch Zufall auf Sie gestoßen ist – nachdem Sie im Sommer bei einem Treffen der 96er-Europameister in Paris ins Gespräch gekommen sind. Was haben Sie in der Stadt der Liebe gemacht, um den Sportdirektor zu bezirzen?

Ich habe eigentlich gar nichts gemacht (lacht). Wir saßen ein bisschen am Rande und haben über Fußball gesprochen. Wir haben überlegt, was ein Trainer mitbringen muss, damit ein junger Spieler am besten von ihm profitiert. Ist das jemand, der ihm erklärt, wie man am besten ein Offensivpressing auslöst? Das weiß er wahrscheinlich sowieso. Aber wenn der Trainer als Fußballer, Trainer oder Vereinsverantwortlicher selbst vieles erlebt hat, wenn er dem Spieler mit seinen Erfahrungen und Geschichten helfen und auch andere Fragen beantworten kann, bringt ihn das vielleicht noch einmal voran. Das hat man ja auch bei Horst Hrubesch gesehen. Als ich wieder zu Hause war, habe ich gedacht: Vieles, was der Hansi aufgezählt hat, trifft eigentlich auf dich zu.

Viele waren überrascht, als Sie als neuer U-21-Trainer vorgestellt wurden. Waren Sie es selbst am meisten?

Nein, weil sich das langsam entwickelt hat. Ich bleib’ noch einmal bei meiner Oma. Ich habe ihr als Jugendlicher mal erzählt, dass mir da ein Mädchen gefällt, ich mich aber nicht richtig entscheiden könne. Meine Oma hat mir gesagt: „Du musst erst eine Tür ganz zumachen, damit eine andere aufgeht.“ Damals habe ich nicht sofort verstanden, was sie meint. Aber genauso war es auch im Sommer. Mit jeder Woche mehr Abstand zu meinem Job in Kaiserslautern ist die Tür ein Stückchen mehr zugegangen. Und so ist es dem Hansi vermutlich auch gegangen. Der hatte mich eventuell im ersten Gespräch gar nicht auf der Rechnung, aber auf dem Nachhauseweg hat er sich vielleicht auch gedacht: Mensch, der Kuntz, der wäre vielleicht eine gute Idee, der bringt doch alles mit (lacht).

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Kuntz vor Debüt: 'Möchte eigene Fußstapfen hinterlassen'
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Kennen Ihre Spieler Ihre Oma auch schon?

Ja, aus der Eingangsbesprechung, da habe ich ihnen eine Geschichte von meiner Oma erzählt. Als es ihr mal sehr schlecht ging, habe ich sie gefragt, ob sie Angst vor dem Tod habe. Sie hat geantwortet: „Nein, ich bin sauer.“ Ich fragte, warum. Sie hat gesagt: „Weil ich dann nicht mehr tagtäglich lernen kann.“ Da war sie 70.

Verstehen Sie sich mehr als Coach für Ihre Spieler denn als Trainer, der mit ihnen die richtigen Laufwege einübt?

Es geht sicherlich in diese Richtung. Wir haben beim DFB eine Spielleitlinie, an der wir uns orientieren. Und ich vermute mal, dass das auch eine Intention von Hansi Flick war. Wir möchten unsere Spieler dazu animieren, dass sie von sich aus sagen: „Trainer, zeig mir, was ich da richtig oder falsch gemacht habe.“ Ich will Ihnen ein Beispiel aus meiner eigenen Karriere geben: Bei der WM 1994 war ich ein Underdog im Kader. Natürlich habe ich im Training immer alles gegeben, aber vor allem habe ich mir alles angeschaut. Was funktioniert? Was funktioniert nicht? Und warum nicht? Wer verhält sich im Sinne des Teams? Wer nicht? Diese Erfahrungen habe ich mit in den Verein genommen. Und daraus gelernt.

Was heißt das für die U 21?

Hier ist es ja noch ein bisschen krasser. Spieler, die in ihren Vereinen die Nummer 15 oder 18 sind, zählen hier vielleicht zu den Führungsspielern. Mit ganz wenigen Ausnahmen ist die Position der Spieler hier eine andere als in ihren Klubs. Ich rege die Spieler immer wieder an: Probiert hier bitte etwas aus! Wenn du Sachen verbessern willst, hier kannst du das. Wenn du dich mehr einbringen willst, hier kannst du das. Wir versuchen die Spieler im Kopf zu schulen, damit sie in ihrer Karriere ein Stück weiter kommen. Wenn man sich meine Karriere anschaut, kann ich das schon glaubhaft vermitteln.

Inwiefern?

Mein Talent hätte normalerweise nicht ausgereicht für die Bundesliga, trotzdem habe ich 450 Bundesligaspiele bestritten, eine Menge Buden gemacht und sogar ein paar Titel geholt. Ein Spieler von heute müsste sich, etwas überspitzt formuliert, fragen: „Wie ist der eigentlich auf so viele Bundesligaspiele gekommen?“ Wenn er erkennt, dass außer Talent auch noch etwas anderes dazugehört, dass da auch noch was im Kopf stattfinden muss, dann haben wir viel erreicht.

Wie viele der Jungs kennen Stefan Kuntz denn überhaupt noch als Spieler?

Damit haben die sich wahrscheinlich erst beschäftigt, als ich zum ersten Mal vor ihnen stand. Aber zum Glück müssen die heute ja keine Lexika mehr wälzen, die finden im Internet alles, was sie wissen müssen. Es gibt auch ein paar lustige Videos, auf die werde ich dann schon mal angesprochen.

Zum Beispiel?

Ich habe früher relativ weit eingeworfen. Bei einem Heimspiel gegen Bochum hat sich ein Gegenspieler bei meinen Einwürfen direkt vor die Seitenlinie gestellt, um mich zu stören. Ich habe den Schiedsrichter gefragt, ob das so okay ist, oder ob er nicht einen Abstand einhalten muss. „Nee“, hat er geantwortet, „das ist schon okay.“ Also habe ich ihn gefragt: „Und was ist, wenn ich den aus Versehen treffe?“ – „Ist seine Schuld“, hat der Schiedsrichter gesagt. Meinen nächsten Einwurf können Sie sich bei Youtube ansehen.

Inwiefern sind die Spieler heute weiter als zu Ihrer Zeit?

Ich habe in der A-Jugend dreimal in der Woche Training gehabt, auf einem Hartplatz. Und mit 17 oder 18 bin ich zum ersten Mal in die Saarland-Auswahl berufen worden. Heute werden Talente viel früher entdeckt, gefordert und gefördert. Damit meine ich nicht nur das Fußballtalent, das geht schon in Richtung Bewegungstalent. Es ist auch einfacher, die Schule mit dem Leistungssport zu vereinen. Wenn du früher mit einer Sechs in Latein nach Hause gekommen bist, fiel am nächsten Tag erst einmal das Training aus, weil du deiner Mutter zeigen musstest, wie du Vokabeln lernst. Die Jungs heute können sich auf Fußball konzentrieren. Spieltechnisch, taktisch und auch körperlich sind sie uns deutlich voraus. Aber ich sage auch: Uns sind damals nicht so viele Entscheidungen abgenommen worden. Von der Persönlichkeit waren wir damals vielleicht etwas weiter, auch älter. Du hast Entscheidungen getroffen. Die waren mal gut und mal falsch, aber du hast eine eigene kleine Erfahrungswelt gehabt.

Sie standen auch nicht so im Fokus der Öffentlichkeit.

Das stimmt. Unsere Spieler müssen ja heute förmlich ein Gebiet suchen, wo sie ungestört mal sie selbst sein können. Sonst musst du in der Öffentlichkeit das Bild abgeben, das von einem Profi verlangt wird. Bei der EM habe ich eine Veranstaltung besucht, da ging es um Körpersprache. Irgendwann landeten wir bei einem Spieler mit wenig Körpersprache. Jemand, der kein Fußballfachmann war, hat gesagt: „Wenn ihr vor euch ein stilles Wasser habt, sagt ihr auch nicht zu dem Wasser: Sprudel doch mal!“. Man kann nicht alles von jedem verlangen. Durch die Öffentlichkeit entsteht sehr viel Druck, besonders ein junger Mensch muss erst lernen, damit umzugehen. Es ist auch nicht einfach, wenn man plötzlich so viel Geld verdient. Da braucht man ein stabiles Umfeld. Als ich Profi wurde, hat meine Mutter zu mir gesagt: „Jetzt gibst du mal 100 Mark Wäschegeld zu Hause ab.“ Und hat sich dabei geschämt.

Brauchen die Spieler heute eine andere Ansprache?

Das Schöne ist: Du musst dem Spieler nicht sagen, was du möchtest – du kannst es ihm zeigen. Sämtliche Dinge, auf die es ankommt, kannst du visualisieren. Du hast Spielszenen und zeigst dem Spieler, wo er hätte hinlaufen oder hätte stehen müssen. Ich sage den Spielern aber auch: „Fangt an, das Spiel zu fühlen!“ Das macht die ganz großen Spieler aus. Die haben ein Gefühl für das Spiel entwickelt. Ich sage den Spielern: „Macht euer Herz auf!“

Und machen sie das?

Diese Tür ist oft verrammelt. Aber wenn sie es schaffen, diese Tür zur Intuition zu öffnen, dann werden wir auch in Zukunft einige Spieler haben, die die großen Spiele entscheiden können. Das ist der Unterschied zwischen dem statischen Ich und dem dynamischen Ich. Wenn ich mich hier bei der U 21 hinsetzte und sage, ich kann alles, ich hab’ alles, ich brauche nichts – dann ist Feierabend. Aber die Spieler, die sagen, mal sehen, was die mir hier anbieten, was ich nutzen kann, damit ich noch was dazulerne und besser werde – die schaffen es.

Viele Spieler aus der U 21 haben schon für die A-Nationalmannschaft gespielt. Wie schwierig ist es, sich der Avancen von Bundestrainer Joachim Löw zu erwehren?

Das ist gar nicht schwierig, weil der Austausch mit dem Bundestrainer sehr rege ist. Es hilft natürlich auch, dass wir uns lange kennen. Mit Jogi habe ich den Fußballlehrer gemacht, mit Andreas Köpke und Oliver Bierhoff zusammengespielt. Toni di Salvo, mein Co-Trainer war im Trainerteam von Marcus Sorg. Natürlich hat der Bundestrainer seine Ideen, aber er möchte auch wissen: Wer ist für die U 21 wichtig? Warum ist er wichtig? Wieso spielt er bei uns auf einer anderen Position als im Verein?

Im Sommer finden nahezu gleichzeitig die U 21-EM und der Confed-Cup statt, bei dem Löw einige Perspektivspieler einsetzen will. Gibt es Spieler, von denen Sie sagen: Jogi, die sind für mich unverzichtbar?

Klar kann ich das sagen. Joachim Löw hat jetzt zu den beiden Länderspielen drei Spieler von uns eingeladen, die er mal kennen lernen will. Das hätte er auch erst im Sommer beim Confed-Cup tun können. Im Grunde hat er dieses Kennenlernen also ein bisschen vorgezogen. Ein Spieler, der zwei oder drei Mal bei der A-Nationalmannschaft gespielt hat und dann wieder bei uns dabei ist, wird das nicht als Herabstufung empfinden. Weil er weiß, dass es eine Schnittmenge von Spielern gibt, die mal in der U 21 spielen, mal im A-Kader stehen. Die beiden Mannschaften rücken näher zusammen. Deshalb kann es immer mal wieder fluktuieren, damit jeder Spieler das bekommt, was er gerade benötigt.

Herr Kuntz, hat Ihnen Ihre Frau eigentlich schon mal gesagt, dass Sie sich mit dem neuen Job im Nachwuchs auch irgendwie verjüngt haben?

Sie sieht mich jeden Morgen aus dem Bett aufstehen. Da kommt sie nicht auf solche Ideen.

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