Sport : Nicht mal Tuchel protestiert

Die Niederlage gegen Freiburg hat sich Mainz selbst zuzuschreiben.

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Trainer, ratlos. Thomas Tuchel verpasste mit seinen Mainzern das schon sicher geglaubte Halbfinale. Foto: dpa
Trainer, ratlos. Thomas Tuchel verpasste mit seinen Mainzern das schon sicher geglaubte Halbfinale. Foto: dpaFoto: dpa

Mainz - Am Ende sahen Sieger und Besiegte gezeichnet aus. Dieses Pokalspektakel hatte Kraft und Nerven gekostet. Thomas Tuchel, der Trainer des Verlierers, eben erst leidlich genesen von einer Grippe, hielt sich an einem großen Glas Tee fest und schaute ins Leere; Christian Streich, der Trainer des Gewinners, wirkte zerzaust wie nach mancher Niederlage und sprach in Rätseln. Auch Schiedsrichter Deniz Aytekin war der zweistündige Konzentrationsakt in diesem aufregenden Viertelfinale im DFB- Pokal zwischen dem FSV Mainz 05 und dem SC Freiburg anzusehen. Der Dienstagabend hatte den 24 000 Zuschauern in der Mainzer Arena ein Schauspiel von seltener Intensität geboten. 2:0 führten die Mainzer nach 202 Sekunden. In der dritten Minute der Nachspielzeit glich Daniel Caligiuri für die Freiburger nach zuvor vier Latten- oder Pfostentreffern per Elfmeter zum 2:2 aus; in der Verlängerung triumphierten die Gäste schließlich durch Caligiuris zweites Tor mit 3:2.

Nach der erstmaligen Qualifikation des Sportclubs für das Pokal-Halbfinale war auch für Streich kein Halten mehr. Der Freiburger Trainer fegte über den Rasen und tobte seine Glücksgefühle aus. Ganz anders die dicht vor dem Ziel aus der Spur geworfenen Mainzer. Sie reagierten entweder fassungslos vor Entsetzen oder wütend vor Zorn. „Es ist fürchterlich, wenn ein Spiel so gekippt wird", sagte Julian Baumgartlinger, während sein in Rage geratener Kollege Bo Svensson durch die Mixed Zone des Stadions stürmte, einen Markierungspfosten umtrat und lauthals protestierte: „Das war kein Elfmeter, kein Elfmeter!“

Doch. Es war einer, weil der Mainzer Radoslav Zabavnik den Freiburger Stürmer Ivan Santini am Fuß getroffen hatte. Das akzeptierte schließlich auch Thomas Tuchel, der noch tags zuvor über eine Verschwörung der Schiedsrichter gegen sich und seine Mannschaft gesprochen hatte. Am Dienstag aber machte er nicht Deniz Aytekin für die Wende im Spiel verantwortlich, sondern seinen Spielern. „Mit der Gelb-Roten Karte haben wir uns einen Bärendienst erwiesen, damit haben wir uns einen extremen Schaden zugefügt“, sagte Tuchel über Zdenek Pospech, der in der 65. Minute für zwei Fouls kurz hintereinander zweimal verwarnt wurde. Und vor dem Elfmeter dürfe Zabavnik zu diesem späten Zeitpunkt des Spiels nicht so hingehen: „Das, was heute passiert ist, haben wir uns selbst zuzuschreiben.“

Nach diesem Spiel auf einem großteils exzellenten Niveau gerieten Tuchels Anschuldigungen, die er vor dem Spiel erhoben hatten, mehr und mehr zu einer Randnotiz. Aytekin jedenfalls schien völlig unbeeindruckt von dem, was der Mainzer Trainer behauptet hatte, als er sagte: „Wir sind wie die Spieler in einem Tunnel und so fokussiert auf das Spiel, da achten wir nicht auf einzelne Leute, sondern schauen, dass wir halbwegs alles richtig machen.“

Der Schiedsrichter war erleichtert, dass er in dieser kniffligen Auseinandersetzung bei den Schlüsselentscheidungen keinen Fehler gemacht hatte. Spieler und Trainer versuchten sich im Nachhinein, die dichte Dramaturgie der Begegnung besser zu erklären. Der Sportclub, Tabellenfünfter der Bundesliga, hat nur eines der vergangenen zehn Pflichtspiele verloren; die Mainzer dagegen – man spürte es an den heftigen Schwankungen in ihrem Spiel – haben in diesem Jahr noch kein Pflichtspiel im eigenen Stadion gewonnen. So war es gar nicht so verwunderlich, dass die Freiburger zu ihrem Hochgefühl zurückfanden, obwohl sie „den Anfang völlig verpennt hatten“, wie Torhüter Oliver Baumann sagte. Streich habe, so Doppeltorschütze Caligiuri, in der Halbzeit empfohlen, „alle negativen Sachen raus zu lassen“.

Der Trainer der Freiburger schaffte es, den Stolz auf das überraschende Comeback seines Teams einigermaßen zu verbergen. „Ich bin nicht stolz auf die Mannschaft aufgrund dieses Sieges“, behauptete er. „Der Weg ist das Ziel.“ Es ist ein Weg, den niemand auf Schritt und Tritt so gut kennt wie Christian Streich, dieser kauzige Vordenker und Vorarbeiter der Freiburger Fußballschule. Roland Zorn

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