Sport : Nummer fünf fehlt

Auch Heiko Westermann kann nicht zur WM und bringt das Konzept des Bundestrainers durcheinander

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Nationalspieler Heiko Westermann (rechts) beim Spiel gegen Ungarn.
Nationalspieler Heiko Westermann (rechts) beim Spiel gegen Ungarn.Foto: dpa

Als der deutsche Mannschaftsbus am Sonntagabend gegen 18 Uhr noch einmal die Südtiroler Weinstraße verließ und einbog zur Sportanlage Rungg, standen immer noch etwa 300 Fan-Touristen geduldig am Zaun. Eigentlich war gar kein Training der Nationalmannschaft angekündigt gewesen. Selbst eine noch so vage Aussicht, wonach das Team sich zu vorgerückter Stunde hierher verirren könnte, versetzt die Menschen in Aufregung. Und manches Mal gehen Hoffnungen ja in Erfüllung. Nur für das Personal, das dem Bus entstieg, haben sich die Dinge am Sonntag nicht so gefügt wie gewünscht. Ihr Bestand reduziert sich langsam, aber schon verlässlich.

Wenige Minuten später war aus einer unschönen Vorahnung traurige Gewissheit geworden. Heiko Westermann, der am Tag zuvor im Länderspiel in Ungarn einen Schlag auf seinen linken Fuß bekommen hatte, fällt wegen eines Kahnbeinbruchs für die Weltmeisterschaft aus. Er ist damit der fünfte Nationalspieler, der innerhalb des Monats Mai für die Endrunde am Kap absagen muss. Zuvor fielen schon die Leverkusener Simon Rolfes und René Adler, Kapitän Michael Ballack vom FC Chelsea sowie der Stuttgarter Christian Träsch verletzungsbedingt aus. „Heiko hätte bei der WM eine wesentliche Rolle in unserem Team gespielt. Er wäre auf Grund seiner Vielseitigkeit für uns wichtig gewesen“, sagte Löw am Abend über den 19-maligen Auswahlspieler.

Kurz vor dem Abpfiff des Testspiels in Budapest, zu dem die deutsche Mannschaft aus ihrem Vorbereitungsquartier in der Nähe Bozens geflogen war und das sie 3:0 gewann, hatte sich Westermann die Verletzung zugezogen. Der Schalker Mannschaftskapitän, der die linke Außenposition in der Abwehrkette besetzte, klagte direkt nach dem Spiel über Schmerzen, die in der Nacht schlimmer wurden. Als die Mannschaft Sonntagmittag wieder in Südtirol landete, wurde Westermann im Krankenhaus einer Kernspin- und Computertomographie unterzogen, die einen Anfangsverdacht bestätigte.

Bereits heute wird der 27 Jahre alte Defensiv-Allrounder die Heimreise antreten. „Natürlich bin ich total enttäuscht, denn es war ein großes Ziel von mir, bei der WM dabei zu sein“, sagte Westermann im Mannschaftshotel in Eppan: Jetzt bleibe ihm nichts anderes übrig, als der Mannschaft „von ganzem Herzen alles Gute“ zu wünschen.

„Verletzungen haben die Angewohnheit, immer ungelegen zukommen“, hatte Löws Assistenztrainer Hansi Flick nach dem Ausfall von Christian Träsch gesagt. Auch der war schon tragisch, hatte dem Trainerteam aber nicht vollends die Laune verdorben. „Wir sind jetzt genug gestraft“, sagte Flick und schäkerte mit der höheren Mathematik. Aller Wahrscheinlichkeit nach glaube er, „dass wir jetzt glatt über die Bühne kommen“.

Westermanns Ausfall tangiert die Pläne des Bundestrainers nicht mehr nur, er durchkreuzt sie. Der Schalker galt wegen seiner vielseitigen Verwendbarkeit als gesetzt für den endgültigen WM-Kader. Neben allen Abwehrpositionen hat er reichlich Erfahrungen im defensiven Mittelfeld gesammelt. Gerade nach dem Ausfall von Ballack, Rolfes und Träsch gilt diese Position im aktuellen Kader als unterbesetzt. Neben dem gesetzten Duo Schweinsteiger/Khedira gelten nur noch Kapitän Philipp Lahm und mit Abstrichen noch Dennis Aogo als Notlösungen.

Für den 23 Jahre alten Hamburger Aogo könnte das von entscheidender Bedeutung sein. Der gelernte Linksverteidiger, der Mitte Mai im Länderspiel gegen Malta in der Nationalelf debütierte, galt als einer der ersten Anwärter für die Streichliste. Jetzt, da ein weiterer Defensivmann ausgefallen ist, hat sich seine Position ohne eigenes Dazutun verbessert. Bis vor dem Ausfall Westermanns hatte Löw zwei Spieler aus seinem vorläufigen, ohnehin nur noch 25 Spieler umfassen WM-Kader streichen müssen, um auf die Sollstärke von 23 zu kommen, die am Dienstag bei der Fifa gemeldet werden muss. Träsch und Westermann wären dem Casting nicht zum Opfer gefallen.

Am Donnerstag bestreitet die deutsche Mannschaft ihr letzten WM-Testspiel. Gegner in Frankfurt am Main wie Bosnien-Herzegowina sein. Sollte sich dort ein Spieler aus dem gemeldeten 23-köpfigen WM-Kader verletzen, könnte Löw einen Spieler für das Turnier nachnominieren. Daran mochte aber Löw gestern Abend nicht denken. Die Fans von der Sportanlage Rungg erst recht nicht.

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