Ofsayt - Die Fußball-Kolumne aus der Türkei : Freundschaftsspiel nach 84 Jahren Eiszeit

1930 wurde ein Spiel zwischen einer türkischen und einer griechischen Mannschaft abgebrochen. Nach Jahrzehnten erbitterter Feindschaft zwischen beiden Ländern wurde die Partie nun zu Ende gespielt.

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Türkeis Gökhan Ünal (r.) kämpft mit Griechenlands Paraskevas Antzas (l.) um den Ball während des EM-Qualifikationsspiels im Oktober 2007 im Ali-Sami-Yen-Stadion.
Türkeis Gökhan Ünal (r.) kämpft mit Griechenlands Paraskevas Antzas (l.) um den Ball während des EM-Qualifikationsspiels im...Foto: dpa

Die Spielunterbrechung dauerte 84 Jahre. Im Jahr 1930 trafen sich die griechische Mannschaft Lailapas von der Ägäis-Insel Chios und das Team Karsikaya aus der nahen türkischen Küstenstadt Izmir zu einem Freundschaftsspiel. Die Begegnung musste nach nur drei Spielminuten wegen heftigen Regens abgebrochen werden und konnte wegen des Wetters an diesem Tag auch nicht mehr neu beginnen. In den Jahren und Jahrzehnten darauf trennte die bittere griechisch-türkische Feindschaft die beiden Nachbarn. Seit einigen Jahren herrscht nun politisches Tauwetter zwischen Athen und Ankara – und so konnten Lailapas und Karsikaya am Wochenende die abgebrochene Partie zu Ende bringen: Das neue Spiel auf Chios begann mit der vierten Spielminute. Das Rückspiel soll bald in Izmir stattfinden.

Schon 1930 ging es auf Chios um mehr als nur um Fußball. Damals hatten Griechen und Türken gerade einen verlustreichen Krieg gegeneinander hinter sich und mussten sich mit der Tatsache anfreunden, dass die Geographie sie zur Koexistenz zwang; einige griechische Ägäis-Inseln – darunter Chios – liegen nur wenige Kilometer vom türkischen Festland entfernt. Der türkische Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk und der griechische Premier Eleftherios Venizelos bemühten sich in den 1930er Jahren um engere Beziehungen zwischen den Nachbarn.

 Auch in anderen schwierigen außenpolitischen Fragen hat der Fußball für die Türkei schon wichtige Rollen gespielt. So reiste die Nationalmannschaft, begleitet von Präsident Abdullah Gül, im September 2008 nach Armenien, um dort ein WM-Qualifikationsspiel zu absolvieren. Gül und sein armenischer Amtskollege Serge Sarkisyan nutzten ihre Begegnung in Eriwan, um über einen Neuanfang der Beziehungen zu sprechen. Es war der erste Besuch eines türkischen Präsidenten in Armenien überhaupt. Die Türkei und Armenien haben zwar eine gemeinsame Grenze, doch die Übergänge sind geschlossen, und die Nachbarn haben keine diplomatischen Beziehungen miteinander. Die Erinnerung an den Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich im Jahr 1915 und der Konflikt um Berg-Karabach halten die Nachbarn auf Abstand. Im Oktober 2009 folgte der Gegenbesuch der Armenier in der Türkei, und auch bei diesem Spiel war die hohe Politik wichtiger als das sportliche Ereignis, da beide Länder die WM-Qualifikation bereits verpasst hatten. 

Nun wurde also auch Chios erneut zum Schauplatz einer Annäherung auf dem Fußballplatz. Die türkische Presse grub den Bericht eines Reporters aus, der 1930 für die türkische Zeitung „Hizmet“ das erste Spiel zwischen Lailapas und Karsikaya beobachtete und der einen denkwürdigen Satz aus der Rede des damaligen griechischen Vereinspräsidenten notierte: „Gott wollte heute keinen Sieger und keinen Verlierer auf dem Spielfeld“, sagte der Vereinschef damals über die vom Regen frühzeitig beendete Begegnung. 

Offenbar war an allerhöchster Stelle auch am vergangenen Wochenende ein Triumph für die ein oder andere Seite unerwünscht: Nach 87 Minuten endete das nachgeholte Spiel mit einem brüderlichen 5:5-Unentschieden.

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