Ofsayt - die Fußball-Kolumne aus der Türkei : Kasimpasa - kleine Investitionen erhalten die Freundschaft

Die türkische „Süper-Lig“ dominieren die drei Spitzenvereine Fenerbahce, Galatasaray und Besiktas. Doch schon auf Platz Fünf folgt mit Kasimpasa ein weiterer Istanbuler Club, dessen gute Position in der Tabelle zunächst weniger logisch erscheint.

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Fäuste ballen im Schlägerviertel: Seit 2012 ist der Georgier Shota Arveladze Trainer bei Kasimpasa.
Fäuste ballen im Schlägerviertel: Seit 2012 ist der Georgier Shota Arveladze Trainer bei Kasimpasa.Foto: Imago

Auf den vorderen Plätzen der Tabelle der türkischen „Süper-Lig“ hat alles seine althergebrachte Ordnung. Die drei Istanbuler Spitzenvereine Fenerbahce, Galatasaray und Besiktas teilen sich kurz nach Beginn der Rückrunde die Spitzenpositionen. Doch schon auf Platz Fünf folgt ein weiterer Istanbuler Club, dessen gute Position in der Tabelle auf den ersten Blick weniger logisch erscheint. Dieser Club ist Kasimpasa, ein Verein aus einem als Schlägerviertel verrufenen Bezirk am Goldenen Horn in der Istanbuler Innenstadt.

 Das Heimstadion von Kasimpasa kann es an Fassungsvermögen nicht mit den Arenen von Fenerbahce oder Galatasaray aufnehmen. Es liegt an einem Hügel unterhalb des Vergnügungsviertels Beyoglu und bietet gerade einmal 13.500 Zuschauern Platz. Aber Kasimpasa hat andere Vorzüge. Einer davon besteht darin, dass Kasimpasa die Heimat des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan ist. Das Stadion ist nach ihm benannt. Erdogan ist eigentlich ein Fenerbahce-Fan, doch er ist auch heimatverbunden und hält ein Auge auf den Club aus seinem Viertel.

 Und das ist gut für Kasimpasa. Der Verein, der in den vergangenen Jahren mehrmals zwischen dem türkischen Fußball-Oberhaus und niedrigeren Klassen hin und her pendelte, kann sich Hoffnungen auf eine Europa-League-Teilnahme machen. Da Fenerbahce wegen Spielmanipulationen in der kommenden Saison noch für internationale Wettbewerbe gesperrt sein wird, stehen die Chancen für Kasimpasa sogar noch besser, als es normalerweise für einen Fünftplatzierten der Fall wäre.

Besiktas-Fans als Manager bei Kasimpasa

 Wie kommt ein kleiner Istanbuler Club zu solch glänzenden Aussichten? Der Grund hat viel mit Erdogan und der Macht des 59-jährigen Premiers zu tun. Vor drei Jahren wurde Kasimpasa von dem Geschäftsmann Turgay Ciner gekauft. Ciner, mit einem Vermögen von geschätzten 1,5 Milliarden Dollar einer der reichsten Männer der Türkei, ist Chef eines Mischkonzerns, der sich in ganz verschiedenen Branchen wie Enerige, Medien und Tourismus engagiert. Der Gedanke liegt nahe, dass sich Ciner mit der Investition die Aufmerksamkeit oder vielleicht auch das Wohlwollen Erdogans sichern wollte.

 Wenige Monate nach dem Kauf des Clubs installierte Ciner bei Kasimpasa eine Führungsmannschaft, die vor allem durch eines auffiel: Die meisten hohen Posten wurden mit Managern besetzt, die als Fans des Lokalrivalen Besiktas bekannt waren. Nicht Lokalkolorit, sondern Investitionen und Zielstrebigkeit sollen bei Kasimpasa entscheiden. Die – im September im Beisein Erdogans eingeweihte – nagelneue Trainingsanlage des Vereins am Stadtrand gilt als eine der besten im ganzen Land und wird auch von der türkischen Nationalmannschaft genutzt.

Ex-Herthaner Tunay Torun kam vom VfB Stuttgart

 Auch die Mannschaft wurde verstärkt. Als Trainer wurde der Ex-Ayax-Spieler Shota Arveladze aus Georgien verpflichtet. Der schwedische Keeper Andreas Isaksson spielte bei Manchester City und bei PSV Eindhoven, bevor er zu Kasimpasa kam. Der Ex-Hoffenheimer Ryan Babel spielt ebenfalls im Erdogan-Stadion. Zuletzt kaufte Kasimpasa den offensiven Mittelfeldspieler Tunay Torun vom VfB Stuttgart und lieh den türkischen Jugendnationalspieler Alpaslan Öztürk von Standard Lüttich bis zum Saisonende aus.

 In der Liga geht für Kasimpasa trotzdem nicht immer alles glatt. In einer Begegnung gegen Besiktas im Dezember benutzte Kasimpasa-Vertediger Ryan Donk einen zweiten Ball, um einen Angriff des Gegners zu stoppen. Später rannte ein Fan auf das Feld und attackierte den Besiktas-Spieler Manuel Fernandes. Das Match soll nun wiederholt werden.

 Doch kleine Rückschläge bringen den Verein nicht von seinen hoch gesteckten Zielen ab. Trainer Arveladze sieht in Kasimpasa ein langfristiges Projekt. „Wir haben Zeit“, sagte er kürzlich und machte klar, wo er seine Vorbilder sieht: „Bei Chelsea hat es eine Milliarde Dollar gebraucht und sieben Jahre gedauert, bis der Erfolg kam.“

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