• Olympia 1980: Zwanzig Jahre nach dem Boykott der Spiele in Moskau: Drei Athleten erinnern sich

Sport : Olympia 1980: Zwanzig Jahre nach dem Boykott der Spiele in Moskau: Drei Athleten erinnern sich

Robert Hartmann

Der erste Reflex von Dietmar Mögenburg spricht Bände: "Lass die Toten ruhen", sagte er, auf die Olympischen Spiele in Moskau angesprochen. Ihn und zwei weitere westdeutsche Leichtathleten traf der Boykott der Olympischen Spiele 1980, die heute vor zwanzig Jahren eröffnet wurden, besonders hart. Sie waren in ihren Disziplinen die Favoriten gewesen, Thomas Wessinghage über 5000 m, Guido Kratschmer im Zehnkampf und Mögenburg im Hochsprung. Für sie war das abrupte Ende der Hoffnungen ein Schock, der besonders bei Kratschmer lange nachwirkte, nach seiner eigenen Einschätzung zehn Jahre lang. Wessinghage verweist darauf, dass in jedem Unglück auch ein Glück liegen kann und sagt: "Wenn ich wirklich gewonnen hätte, wäre ich vielleicht übergeschnappt. Ich hatte damals einen tollen Werbevertrag in Aussicht."

Ihr sportliches Erntedankfest fiel aus, weil die Sowjetunion am 27. Dezember 1979 Afghanistan besetzt hatte. Die USA unter ihrem Präsidenten Jimmy Carter antworteten mit diesem Olympia-Boykott, dem sich dreißig Länder anschlossen, jedoch ausdrücklich gegen den Willen ihrer Regierungen nicht die britischen, französischen und italienischen Sportler. Nie seit dem Beginn der Spiele in Athen 1896 hatten die Amerikaner bei Olympia gefehlt, nun reichten die Tradition und ihr moralisches Gewicht doch nicht aus, um das Internationale Olympische Komitee zu einer Abkehr von Moskau als Austragungsort zu bewegen.

Wessinghage war damals Aktivensprecher, der plötzlich zu den hohen Politikern vorgelassen wurde, bis hinauf zu Bundeskanzler Helmut Schmidt. "Da war ich von der sehr vorgefestigten Meinung enttäuscht, ja entsetzt. Inzwischen wissen wir, dass es blöd war." Schlimm empfand er das Verhalten der Vertreter einiger Fachverbände. Wer keine Athleten für Moskau besaß, stimmte für Boykott, zuförderst die Wintersportverbände, aber auch die Volleyballer mit ihrem Präsidenten Roland Mader zum Beispiel. "Ich erinnere mich noch gut an seine flammende Rede", sagt Wessinghage.

"Wenn ich ehrlich bin", sagt Kratschmer, der immer souverän und ruhig mit sich selbst umgegangen ist, "war ich überzeugt, dass ich gewinne." Das Trio fand Ersatz, wenn auch nur einen unzureichenden. Der Zehnkämpfer stellte noch vor den Spielen mit 8649 Punkten in Bernhausen einen Weltrekord auf. Die nächsten zwei Jahre trainierte er kaum noch. "Die Motivation war im Keller." Bei den Spielen in Los Angeles 1984 belegte der Olympiazweite von 1976 den vierten Platz. "Heute bin ich darüber weg. Ich bin zufrieden mit meinem Leben. Aber der Boykott", sagt er, "war wirklich umsonst. Wenn er die Situation geändert hätte, wäre ich der Erste gewesen, der zugestimmt hätte."

Mögenburg war 18 und schon der erklärte Favorit. Für die olympische Chance brach er vorübergehend die Schule ab, nachdem er mit 17 über 2,32 m gefloppt war. Dass der Boykott ihn nicht umgeworfen habe, schreibt er seiner Jugend zu Gute. "Mich hat es nicht stark getroffen. Das hat mich nicht so furchtbar interessiert." Zwanzig Jahre später sagt er nur noch lakonisch: "Kriege finden rund um den Erdball statt, heute noch." Es war das ausgefallene Olympia, das ihn anspornte, das Versäumte vier Jahre später in Los Angeles nachzuholen und Gold zu gewinnen. Dort wanderte er ohne einen einzigen Fehlversuch bis auf 2,35 m. Exakt so hoch wie kurz vor Moskau bei seinem Weltrekord in Rehlingen.

Wessinghage stellte im August 1980 in Koblenz mit 3:31,58 Minuten einen bis heute bestehenden deutschen 1500-m-Rekord auf. Er blieb zwischen 1979 und 1981 über die 5000 m unbesiegt. "Ab und zu kommt man in eine Situation, in der man sich sagt: Ein Olympiasieg wäre nicht schlecht." In Athen wurde der Arzt 1982 Europameister. Dort sei die Atmosphäre locker und leicht gewesen, wie bei einem großen Sportfest. In Moskau wäre es nicht so gewesen, "und ich weiß nicht, ob ich unter den Bedingungen meine Leistungen gebracht hätte. Ich weiß es nicht."

Er habe festgestellt, sagt Wessinghage, dass "es heute keiner mehr so genau weiß, was für Erfolge wir hatten". Für die Generation, die mit ihnen älter geworden ist, tragen die Drei immer noch alt-vertraute Namen. Ob sie nun Olympiasieger wurden oder nicht: "Das macht keinen großen Unterschied." Was bleibt auch anderes als ein später Trost? In der Rückschau ordnet sich der Boykott als eine Facette im Weltgeschehen ein. Erst am 15. Februar 1989 kehrte die sowjetische Armee, demoralisiert nach den Kämpfen mit den muslemischen Widerstandskämpfern, in die Heimat zurück.

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