Olympia 2016 in Rio : Christina Schwanitz: Auf Konfrontationskurs

Heute starten bei Omylpia die Leichtathleten. Und mit ihnen gleich die Kugelstoßerin und deutsche Medaillenhoffnung Christina Schwanitz.

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Christina Schwanitz nach dem Sieg der Weltmeisterschaft in Peking.
Christina Schwanitz nach dem Sieg der Weltmeisterschaft in Peking.Foto: dpa/Azubel

Manchmal hört Christina Schwanitz auf der Straße, wie die Leute hinter ihrem Rücken über sie tuscheln. Das sind Momente, die die 30-Jährige glücklich machen. „Es ehrt mich sehr, wenn ich jemanden flüstern höre: Guck mal, das ist die Kugelstoßerin“, sagt Schwanitz. Seit sie vor einem Jahr in Peking Weltmeisterin geworden ist, hat die Sächsin eine gewisse Prominenz erlangt.

„Viel mehr Menschen kennen jetzt Kugelstoßen der Frauen, sie können der Sportart einen Namen und ein Gesicht zuordnen“, sagt Schwanitz – ihr Gesicht, ihren Namen. In vielen anderen Disziplinen wüssten die Leute hingegen gar nicht mehr, „dass wir da jemanden haben“. In ihrer Sportart sei das nun ein bisschen anders, „dafür hat es sich schon gelohnt zu kämpfen“.

Sie kämpft nicht nur für sich, sondern auch für ihre Sportart

Christina Schwanitz kämpft nicht nur im Training und im Ring dafür, dass sie und ihre Sportart mehr Aufmerksamkeit bekommen. Sie hat auch keine Angst davor, den Mund aufzumachen, wenn sie etwas stört. Im vergangenen Dezember wurde sie in Baden-Baden zu Deutschlands Sportlerin des Jahres 2015 gekürt. Sie nutzte die Chance, um für die Leichtathletik zu werben und die deutsche Sport-Monokultur zu attackieren. „Im Fußball wird die vierte Liga zu jeder Tages- und Nachtzeit im Fernsehen gezeigt“, sagte die Sportlerin des LV 90 Erzgebirge. „Wie sollen denn die Leute und Kinder in die Stadien gelockt werden, wenn es unsere Sportart kaum mehr zu sehen gibt?“

An diesem Freitag kann Schwanitz sich darauf verlassen, dass ihre Leistung nicht unbemerkt bleibt: Zum Auftakt der olympischen Leichtathletik-Wettbewerbe von Rio de Janeiro geht sie als Mitfavoritin in das Kugelstoßen. Die Qualifikation findet ab 15 Uhr deutscher Zeit statt, der Endkampf um 3 Uhr in der Nacht zu Samstag. Für das deutsche Leichtathletik-Team beginnen die Wettkämpfe im Estádio Olímpico João Havelange also gleich mit einer großen Medaillenchance.

Schwanitz hatte in der Vorbereitung mit Schmerzen zu kämpfen

In der Vorbereitung auf Olympia hatte Schwanitz lang mit Schulterproblemen und starken Schmerzen zu kämpfen. Ein ungewöhnliches Neuro-Athletik-Training bei dem Bonner Spezialisten Lars Lienhard, mit dem auch ihr deutscher Kugelstoß-Kollege David Storl zusammenarbeitet, half ihr, früher ins Training einzusteigen, als es ihr körperlicher Zustand eigentlich erlaubte.

Die bodenständige Sportlerin war zunächst skeptisch, nach der ersten Sitzung war sie „kreidebleich, mir war speiübel, mein Blutdruck war bei zehn oder so, mein Nervensystem komplett runtergefahren“. Schwanitz ließ sich trotzdem auf die Behandlung ein – mit Erfolg. „Er hat meinem Gehirn gesagt, dass meine Schulter ganz ist und dass ich sie wieder voll belasten kann“, sagt Schwanitz. Wenn die Schmerzen nach einem unsauberen Stoß doch wieder zurückkehren, helfen ihr bestimmte Augenbewegungen, sie wieder zurückzudrängen.

In der Vorbereitung unterlag sie ihrem Vorbild zweimal

Mit Konfrontationen – ob mit Schmerzen, dem eigenen Körper, der Öffentlichkeit oder der Konkurrenz – hat Christina Schwanitz kein Problem. Zuletzt suchte sie bewusst den sportlichen Vergleich mit Valerie Adams, der überragenden Kugelstoßerin der vergangenen Jahre. Adams fehlte 2015 bei dem WM-Titel der Deutschen in Peking mit einer Verletzung, zuvor war die Neuseeländerin vier Mal in Serie Weltmeisterin geworden, auch die olympischen Goldmedaillen in London 2012 und Peking 2008 gingen an die 31-Jährige. In der Vorbereitung in Rio unterlag Schwanitz ihrem Vorbild zwei Mal knapp, sie zog aber nur Positives aus den Niederlagen.

In Deutschland sei es schwierig für sie, ein echtes Konkurrenzverhalten aufzubauen, sagt Schwanitz. Zu weit ist sie den anderen deutschen Kugelstoßerinnen enteilt. In heimischen Wettkämpfen zwingt sie nur ihr Wille, an ihre Grenzen zu gehen. „International muss ich aber viel weiter stoßen, damit ich gewinnen kann“, sagt sie. Das sei noch mal etwas ganz anderes.

Schwanitz sucht den direkten Augenkontakt zur Konkurrenz

„Es war mir sehr recht, dass ich mir die Weltelite angucken und sehen konnte, dass die anderen auch mal wackeln, dass sie angreifbar und besiegbar sind“, sagt Schwanitz. Solche Erkenntnisse könne man sich nur im Wettkampf und „durch direkten Augenkontakt“ holen. Die dritte Medaillenkandidatin, die WM-Zweite und Weltjahresbeste Gong Lijiao, hat die Deutsche im Wettkampf in diesem Jahr noch nicht getroffen. Sie orientiert sich aber ohnehin eher an Valerie Adams. „Früher waren es eineinhalb Meter Abstand zur Valerie“, erinnert sich Christina Schwanitz. „Jetzt sind es fünf Zentimeter.“

Sollte Schwanitz auch diese kleine Lücke zur Goldfavoritin schließen, würde sich ihr Bekanntheitsgrad in Deutschland wohl noch steigern. Bis jetzt sei sie für die meisten Leute wohl nur die Kugelstoßerin „mit dem blöden Spruch und der lauten Lache“. Ab Freitagabend könnte zu diesen Attributen der nicht unwesentliche Zusatz „Olympiasiegerin“ hinzukommen.

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