Olympia ohne ARD und ZDF : "Wir verlieren an Wahrnehmung und Anerkennung"

Der Deutsche Kanu-Verband befürchtet, öffentlich weniger wahrgenommen zu werden, wenn Olympische Spiele nur noch im Privatfernsehen übertragen werden.

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Alle vier Jahre im Vordergrund. Nur bei Olympia erfahren deutsche Kanuten große öffentliche Aufmerksamkeit, hier gewinnt der Kajak-Vierer in Rio de Janeiro Gold. Foto: p-a/dpa/Stache
Alle vier Jahre im Vordergrund. Nur bei Olympia erfahren deutsche Kanuten große öffentliche Aufmerksamkeit, hier gewinnt der...Foto: picture alliance / dpa

Herr Konietzko, zählen olympische Rennen von Zweier-Canadier oder Kajak-Vierer zur Grundversorgung, wie sie ARD und ZDF als Aufgabe vorgeschrieben ist?

Ich glaube schon, dass es Aufgabe der Öffentlich-Rechtlichen ist, die gesamte Bandbreite des Sports in Deutschland abzudecken. Noch dazu, wenn es sehr erfolgreiche Disziplinen wie der C2 und der K4 sind. Das Publikumsinteresse ist ja da, die Einschaltquoten sind gut. Immerhin haben sich sieben Millionen Menschen die letzten Finalrennen der Kanuten in Rio de Janeiro angeschaut, an einem Samstag im August.

Wie bewerten Sie als Präsident eines großen und erfolgreichen Sportverbandes, dass die Olympischen Spiele künftig nicht mehr bei ARD und ZDF zu sehen sein werden, sondern bei Eurosport und anderen Sendern der Discovery-Gruppe?

Wir sind natürlich traurig, weil wir einen bewährten, zuverlässigen und guten Partner verlieren. Bei ARD und ZDF wussten wir, dass die Berichterstattung immer sehr objektiv war. Aber wir müssen mit der Situation umgehen. Es macht mehr Sinn, in die Zukunft zu schauen.

Können Sie die Konsequenzen für Ihre Sportart schon absehen?

Ich befürchte, dass die Berichterstattung nicht mehr so sehr auf das deutsche Publikum zugeschnitten sein wird wie bei ARD und ZDF. Da gab es bislang immer auch eine persönliche Story, unsere Gesichter wurden bekannt. Für uns ist es sehr wichtig, dass nicht nur die anonymen Boote gezeigt werden, sondern auch die Gesichter hinter dem Erfolg. Das könnte bei Discovery deutlich schlechter werden.

Weil die Reporter nicht zu den Kanuten ins Training nach Potsdam oder Kienbaum kommen, sondern nur in Tokio an der Olympia-Strecke stehen?

Genau. Im olympischen Jahr konnten wir bisher einen großen Spannungsbogen knüpfen, die Öffentlich-Rechtlichen haben uns vom ersten Trainingslager bis zur Ehrung der Sportler nach der Rückkehr von den Spielen begleitet. Unsere öffentliche Wahrnehmung würde sehr darunter leiden, wenn sich das ändern sollte. Ich hoffe natürlich, dass die Seitenberichterstattung weiterhin von ARD und ZDF durchgeführt wird.

Was wird sich für einen Kanuten wie den dreimaligen Olympiasieger Sebastian Brendel ändern, der nur alle vier Jahre öffentlich wahrgenommen wird?

Wir verlieren an Wahrnehmung und Anerkennung. Der Sport verkauft sich über Gesichter und Köpfe und Persönlichkeiten. Die Leute müssen sehen, was dazugehört, um alle vier Jahre beim Höhepunkt erfolgreich zu sein. Dieser Wahrnehmungsverlust wird uns als Sportart nicht gerade voranbringen. Und wir werden noch mehr tun müssen, um unsere Sportler in die Öffentlichkeit zu bringen.

Wie viele andere Randsportarten haben auch die Kanuten Nachwuchsprobleme. Werden diese nun noch größer?

Vielleicht lassen sich künftig tatsächlich weniger Kinder dafür begeistern, in ein Kanu zu steigen. Aber zurzeit bewegen wir uns noch im Ungefähren. Ich hoffe, dass die Öffentlich-Rechtlichen trotz allen Frustes die olympischen Sportarten auch zwischen den Spielen begleiten.

Was erwarten Sie von Eurosport und Discovery?

Discovery ist keine Fernsehanstalt, die das nicht bewältigen kann. Wir müssen da Vertrauen reinsetzen und mit denen zusammenarbeiten, damit sie unsere Sportart und ihre Wert so präsentieren, wie wir uns das wünschen. Aber das wird ungleich schwerer als mit ARD und ZDF.

Es gibt auch Sportler die den Wechsel der TV-Anbieter begrüßen. Können Eurosport und Discovery die Olympia-Berichterstattung vielleicht sogar besser machen?

Das glaube ich nicht. Es wäre schon schön, wenn sie es genauso gut machen. Ich setze aber Hoffnungen in die verschiedensten Verbreitungskanäle, die Discovery angekündigt hat. Sport wird man in Zukunft immer mehr unterwegs auf dem Handy, dem Ipad oder wo auch immer sehen. Da scheint Discovery ja nicht so schlecht aufgestellt sein. Entscheidend wird natürlich sein, was hinter der Bezahlschranke verschwindet und was kostenlos empfangbar und zugänglich bleibt. Da gibt es ja noch kein klares Statement.

Die Diskussion rund um die Fernsehrechte wird im deutschen Sport sehr emotional geführt. Der Wasserspringer Patrick Hausding spricht beispielsweise von „Schande“ und „Verdummung“. Stimmen Sie ihm zu?

Wir müssen die Dinge so nehmen, wie sie sind. Die Währung des IOC sind die Fernsehrechte, dafür kriegen die 1,3 Milliarden Euro für vier Olympische Spiele – und die internationalen Verbände sind auf dieses Geld angewiesen. Insofern nutzt es uns wenig, die Dinge zu beklagen. Wir müssen uns der Herausforderung stellen. Olympische Spiele sind drei Wochen alle vier Jahre – Sport kann aber auch dazwischen präsentiert werden.

Eine Möglichkeit wäre also, dass die Öffentlich-Rechtlichen nun verstärkt über Weltmeisterschaften, Europameisterschaften oder Weltcups berichten?

Ich sehe das durchaus auch als Chance für ARD und ZDF, mehr zu machen und zu zeigen, dass sie eigentlich der bessere Partner als Discovery wären. Im besten Fall können die Öffentlich-Rechtlichen das gesparte Geld dazu nutzen, um Sport noch ausführlicher als bisher zu präsentieren und auch den Randsportarten ihren Platz im Programm einzuräumen. Ich bin da nicht so pessimistisch.

Der deutsche Sport hat eine turbulente Woche hinter sich. Schon vor der Vergabe der Olympia-Fernsehrechte haben der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) und das Bundesinnenministerium das neue Spitzensportkonzept vorgestellt. Weniger erfolgreiche Randsportarten müssen nun um ihre Fördergelder bangen. Sehen Sie die Vielfalt im deutschen Sport in Gefahr?

Außer Fußball sind wir ja mittlerweile alle Randsportarten. Es gibt da keinen Unterschied mehr zwischen Leichtathletik, Schwimmen oder Kanu. Die Vielfalt sehe ich aber nicht in Gefahr. Denn der deutsche Sport lebt nicht nur von der Unterstützung des Bundes, sondern spielt sich auf der Vereinsebene ab. Und da sind die Geldgeber meistens Oma, Opa und der Bäcker um die Ecke.

Trotzdem: Bei der Spitzensportförderung und der Fernsehpräsenz wird es enger. Wird es in Deutschland zu einem Überlebenskampf zwischen Sportarten und Verbänden kommen?

Das Miteinander zwischen den Verbänden ist größer, als man das von außen wahrnimmt. Wir versuchen alle, sehr eng zusammenzuarbeiten und auch zusammenzuhalten. Aber es ist jetzt natürlich die Aufgabe der Führung im DOSB, einen solchen Verdrängungskampf und Kannibalismus zwischen den Verbänden zu verhindern. Damit keiner auf der Strecke bleibt.

Herr Konietzko, mit viermal Gold, zweimal Silber und einmal Bronze hat der DKV in Rio de Janeiro die erfolgreichste deutsche Teilmannschaft gestellt. Sehen Sie ähnliche Bilanzen künftig in Gefahr?

Es wäre ja abstrus, wenn gerade der erfolgreichste Sommersportverband unter den Auswirkungen der Reform leiden muss. Ich sehe uns also in einer sehr guten Position. Aber wir müssen über den Tellerrand gucken: Wir brauchen in Deutschland nicht nur erfolgreiche Rodler und Kanuten. Wir müssen auch in Zukunft die Breite abbilden. Ich bin kein Egoist: Ich hoffe, dass es weiter nicht nur erfolgreiche Kanuten gibt, sondern zum Beispiel auch erfolgreiche Ringer und Judoka. Und dass es weiter eine Basis gibt, um in Deutschland erfolgreich Sport zu treiben.

Das Gespräch führte Lars Spannagel.

Thomas Konietzko, 53, ist seit 2010 Präsident des Deutschen Kanu-Verbands (DKV).  Kein deutscher Verband gewann in  Rio de Janeiro 2016 mehr Olympia-Medaillen als die Kanuten.
Thomas Konietzko, 53, ist seit 2010 Präsident des Deutschen Kanu-Verbands (DKV). Kein deutscher Verband gewann in Rio de Janeiro...Foto: picture alliance / dpa

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