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Olympiasieger am Reck : Fabian Hambüchen geht mit Gold

Die letzte Übung in seiner Turnerkarriere ist eine goldene. Fabian Hambüchen wird Olympiasieger am Reck und kann nun seinen Sportler-Ruhestand genießen.

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Fabian Hambüchen tritt als Olympiasieger ab. Das muss gefeiert werden.
Fabian Hambüchen tritt als Olympiasieger ab. Das muss gefeiert werden.Foto: AFP

Auch als Fabian Hambüchen schon sang, hatte er noch Angst vor einem Fehler. „Ich dachte, hoffentlich habe ich keinen Texthänger“, sagte er. Doch er bekam auch das Lied ohne Patzer über die Bühne. Zum Abschluss seiner Karriere gelang ihm die Premiere, die er sich so lange erträumt hatte: Er stand auf dem olympischen Siegerpodest und sang die Nationalhymne.

Es war die letzte große Reckübung im Turnerleben von Fabian Hambüchen, nach Olympia wird er seine Karriere beenden. Er wird es auf dem Höhepunkt tun – im dramatischen Reckfinale am Dienstagabend holte er erstmals Olympiagold. „Ich habe schon als Kind von Gold geträumt“, sagte er später. „Es hätte ein Traum bleiben können, aber das hat jetzt einen runden Abschluss gefunden.“

Alle waren sie abgestürzt. Japans Turnstar Kohei Uchimura und der deutsche Geheimfavorit Andreas Bretschneider in der Qualifikation. Am Dienstagabend lag Epke Zonderland auf der Matte. Nur Fabian Hambüchen stand da. Er wackelte kurz beim Abgang, aber er stand. Und stand. Und stand.

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Gold in Rio: Reck-Gigant Hambüchen turnt in den Olymp
Gold in Rio: Reck-Gigant Hambüchen turnt in den Olymp

Im Endkampf an seinem Spezialgerät musste Hambüchen als erster Turner ans Reck, das ist kein Vorteil im Ringen um die Gunst der Kampfrichter. Hambüchen turnte traumhaft sicher, wie er es in den Tagen von Rio die ganze Zeit getan hat, er erhielt eine Wertung von 15,766 Punkten. Doch als seine internationale Karriere eigentlich schon beendet war, begann die wahre Qual. „Du gehst durch die Hölle, wenn du dastehst und sieben Leute abwarten musst“, sagte er. „Du weißt, jeder kann mit einer perfekten Übung doch noch an dir vorbeigehen.“

Niemand holte ihn mehr ein, auch Zonderland nicht. Beide sind gut befreundet, ihre Laufbahnen verliefen seit Anbeginn parallel. „Der große Unterschied zwischen mir und Fabian ist, dass ich höheres Risiko eingegangen bin“, hat der Niederländer vor dem Finale gesagt. Deswegen hat der Niederländer Gold in London vor vier Jahren geholt, Hambüchen blieb damals nur Silber. Diesmal aber hatte Zonderland zu viel riskiert.

Im Vergleich zu seiner Qualifikationsübung hatte er die Schwierigkeit trotz einer Handverletzung noch einmal erhöht und ein zusätzliches Flugelement eingebaut. Beim Kovacs-Salto aber griff er daneben, um 20.49 Uhr lag Zonderland am Boden. Er schwang sich zwar noch einmal auf, doch eine Chance auf eine Medaille hatte er nicht mehr.

28 Jahre ist Fabian Hambüchen erst alt, doch der Lauf der Zeit hat seine Spuren hinterlassen

Kopfschüttelnd ging er zurück zu seinem Sitz, auf dem Weg dahin nahm ihn Hambüchen in den Arm. „Ich habe ihn gefragt, ob alles okay ist“, sagte er. „Ich bin der Letzte, der sich dann freut. Es tut mir unendlich leid für ihn, ich hätte gern noch einmal mit ihm da oben gestanden.“

Doch dieser Abend gehörte Hambüchen. Er war Weltmeister am Reck, Europameister, im vergangenen Jahr siegte er bei den Europaspielen in Baku. Bei den Olympischen Spielen holte er 2008 Bronze und 2012 Silber. Nur Olympiagold fehlte ihm noch. Deswegen hatte er sich noch einmal zurückgekämpft.

28 Jahre ist Fabian Hambüchen erst alt, doch der Lauf der Zeit hat seine Spuren hinterlassen. 2003 begann seine internationale Karriere als 15-Jähriger bei der WM in den USA, seither turnt er in der Weltspitze mit. Nach den jahrelangen Höchstbelastungen gleicht sein Turnerkörper einer Dauerbaustelle.

Ein halbes Jahr hat er zuletzt pausiert wegen einer Schulterverletzung. Es sah so aus, als würde er nie wieder turnen können, Hambüchen sprach bereits vom Karriereende. „Ich hatte es aufgrund meiner Schulter schon abgeschrieben, dass das überhaupt nochmal geht“, sagte er. Er wollte nicht als Sportinvalide enden, er plant schon die Gründung einer Familie. Aber die Verlockung, seinen Abgang auf größtmöglicher Bühne zu zelebrieren, war stärker.

Und je länger die Turnwettkämpfe in Rio dauerten, umso größer wurde seine Anspannung. „Ich habe immer schlechter geschlafen“, sagte er. Nachdem Uchimura und Bretschneider gescheitert waren, wusste er, dass er eine gute Chance auf eine Medaille hat. „Aber dass es Gold wird, hätte ich niemals gedacht“, sagte er.

Nun will er sein Studium beenden, ein neues Leben beginnen, ohne das Turnen. Er freut sich darauf, vielleicht wird es ihm dennoch irgendwann fehlen. Das deutsche Turnen wird ihn auf jeden Fall vermissen. „Er ist ein Jahrhunderttalent“, sagte Wolfgang Willam, der Sportdirektor des Deutschen Turnerbunds. „So einen finden wir so schnell nicht wieder.“ Die Chancen auf ein Comeback stehen eher schlecht. „In so einem Moment denkst du, du könntest noch hundert Jahre weiterturnen“, sagte Hambüchen. „Aber das Erwachen morgen wird sicher nicht schmerzfrei sein.“ Er wird es ertragen. Denn Fabian Hambüchen wird zum ersten Mal als Olympiasieger aufwachen.

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