Olympische Momente : Als Harada abstürzte

Der Sieg scheint Japans Skispringern 1994 in Lillehammer sicher – glaubt auch Jens Weißflog und gratuliert Masahiko Harada vor dessen letztem Sprung schon zum Team-Gold. Doch dann passiert Unfassbares...

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Lillehammer: Masahiko Harada tief enttäuscht
Hilflos. Er möchte im Boden versinken. Aber nicht einmal das gelingt Masahiko Harada nach seinem verpatzten Sprung. -Foto: dpa

Als seine Weite auf der Anzeigetafel der Lysgårds-Schanze aufleuchtet, vergräbt Masahiko Harada das Gesicht in den Handschuhen und sinkt auf seinen Skiern zusammen. Gold war dem Skispringer und seinen Mannschaftskameraden im Teamwettbewerb der Spiele von Lillehammer doch sicher gewesen. Und jetzt das.

Scheinbar uneinholbar liegen die Japaner vor Haradas letztem Sprung in Führung, der Deutsche Jens Weißflog gratuliert dem 25-Jährigen von der Insel Hokkaido auf der Schanze bereits. 122 Meter war Harada im ersten Durchgang gesprungen, läppische 105 würden für Gold reichen. Doch Harada versagen die Nerven, sein Hüpfer – der kürzeste von allen 64 Versuchen des Wettbewerbs – endet nach 97,5 Metern. Weißflog bejubelt mit Dieter Thoma, Christof Duffner und Hansjörg Jäkle die Goldmedaille, die Japaner sind am Boden zerstört. Harada sagt hinterher, er habe sich geschämt: "Ganz Japan war erschüttert.“ Die norwegischen Zuschauer pfeifen Weißflog für den Rest der Spiele aus, weil sie der Meinung sind, er habe Harada mit seiner Gratulation irritieren wollen, der Deutsche streckt dem Publikum den Mittelfinger entgegen.

Vier Jahre später hat Harada vor heimischer Kulisse bei den Winterspielen in Nagano die Chance, ganz Japan wieder zu versöhnen. Doch die großen Erwartungen seiner Landsleute scheinen ihn erneut zu lähmen. Schon im Einzelspringen von der Normalschanze verspielt er die Führung nach dem ersten Durchgang und fällt durch einen schwachen Sprung noch auf den fünften Platz zurück. Im Teamwettbewerb landet er bei Schneetreiben und Rückenwind im ersten Durchgang bei nur 79,5 Metern, seine Mannschaft fällt vom ersten auf den vierten Rang zurück. Als er sich für seinen zweiten Sprung vom Balken abstößt, ruft der japanische Fernsehkommentator: "120 Millionen Japaner sind mit dir!“ Diesmal enttäuscht Masahiko Harada Japan nicht. Erst nach 137 Metern landet er, vier Jahre nach der Schmach von Lillehammer holen die Japaner Mannschaftsgold. "Diese Medaille ist für Japan und für meine Seele“, sagt Harada. "Nagano bleibt ewig in meinem Herzen.“

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