Olympische Winterspiele in China? : Zu Besuch in den Alpen vor Peking

Das Skifahren steckt in China noch in den Kinderskischuhen – doch das kann Peking bei der Bewerbung um die Olympischen Winterspiele 2022 nur helfen.

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Heißes Eisen. Trotz großer ökologischer Bedenken gilt die Bewerbung Pekings als Favorit für die Spiele 2022. Die Skifahrer werden an den Strecken auf jeden Fall gut versorgt. Foto: AFP
Heißes Eisen. Trotz großer ökologischer Bedenken gilt die Bewerbung Pekings als Favorit für die Spiele 2022. Die Skifahrer werden...Foto: AFP

Am Samstagmorgen um kurz nach acht im Taxi nordöstlich der dritten Ringstraße in Peking fällt uns plötzlich ein Ohrwurm des Österreichers Wolfgang Ambros an: „Am Freitag auf d’Nacht montier’ i die Schi, auf mei Auto und dann begib i mi...“ Das Lied vom „Skifoan“ in den Alpen wirkt irgendwie unpassend in diesem chinesischen Moloch mit seinen mehr als 22 Millionen Einwohnern, Hochhäusern und Megastaus, aber es drückt unsere Vorfreude aus und man könnte es ja auch umdichten: „...nach Nanshan oder Zhangjiakou, denn durt aufm Berg obn, hams oiwei an leiwandn – Kunstschnee!“

Fünf Minuten später wird das Skifahren in oder besser bei Peking doch realer. Wie früher in München stehen zwei Busse vor einem Einkaufszentrum und sammeln Menschen in Skianzügen und dicken Anoraks ein. Rund 50 Chinesen, einige Russen und Deutsche folgen Wolfgang Ambros’ Ruf, wobei die Chinesen und Russen eher chinesische und russische Lieder im Ohr haben dürften. Snowboards und Ski werden im Kofferraum verstaut, wir zahlen umgerechnet fünf Euro, dann geht es los.

Die Busse fahren eine knappe Stunde inklusive dem obligatorischen Stau über die Jingcheng-Express-Autobahn in ein 70 Kilometer entferntes Skigebiet namens Nanshan. Berge sind auf der Fahrt nicht zu sehen, nur braune Felder, auch nicht als der Bus plötzlich anhält und uns aussteigen lässt. Das mag am Smog liegen, der die Sicht vernebelt, aber auch, wie wir bald bemerken, an den Bergen, die keine sind. Nanshan besteht aus einem braunen Hügel mit wenigen Liften, auf dem Schneekanonen einen weißen Teppich gelegt haben. Und das soll der Ort sein, an dem die Olympischen Winterspiele 2022 stattfinden werden?

„Nicht ganz“, sagt Wolfgang Preisinger, „Nanshan zählt zu den Zubringern für die größeren Skigebiete bei Peking, da gehen die Anfänger hin, die sehen wollen, ob sie beim Skifahren bleiben.“ Der österreichische Unternehmer aus Zell am See kennt sich mit dem Skifahren in China aus, seit 15 Jahren bildet er dort Skilehrer aus, hilft Skigebieten und solchen, die es werden wollen, und berät auch das Pekinger Bewerbungskomitee für die Winterspiele 2022. Dessen Schneewettbewerbe sollen in der Nähe der 200 Kilometer nordwestlich von Peking gelegenen Stadt Zhangjiakou in der Provinz Hebei nahe der Chinesischen Mauer stattfinden, eine noch zu bauende Hochgeschwindkeitsstrecke soll die Städte verbinden. „Die dortigen Skigebiete Secret Gardens, Wanlong und Four Seasons kann man mit kleineren europäischen Skigebieten vergleichen“, lobt Wolfgang Preisinger.

Neben Peking ist nur noch das kasachische Almaty im Rennen um die Winterspiele

Eigentlich hatten die Experten mit einer Olympia-Bewerbung der nordostchinesischen Stadt Harbin gerechnet. Der Eisschrank Chinas hatte sich für die Winterspiele 2010 beworben und 2009 die Winter-Universiade ausgerichtet. Doch gerade das ist der Stadt wohl zum Verhängnis geworden. „Harbin hatte die Universiade organisatorisch nicht im Griff“, sagt Preisinger, auch sei es dort mit minus 40 Grad zu kalt und zu windig. So kam die chinesische Regierung auf Peking, wo einige der olympischen Stätten der Sommerspiele 2008 genutzt werden könnten. Die Bewerbung der Hauptstadt wirkte zunächst zögerlich, doch als potenzielle Mitbewerber wie München, Krakau oder Oslo reihenweise ausstiegen, stand Peking plötzlich als Favorit da.

Neben Peking hat nur noch Almaty, Kasachstan, beim Internationalen Olympischen Komitee eine Bewerbung für die Winterspiele 2022 abgegeben. Und nun ist die Bewerbung Chefsache, stündlich laufen bereits in den Fernsehsendern CCTV5 und BTV Werbespots für Beijing 2022. Auch aus politischen Gründen. Der chinesische Staatschef Xi Jinping könnte das letzte Jahr seiner Amtszeit mit einem herausragenden internationalen Event krönen. „Die Verantwortlichen sind schon ein bisschen von der Entwicklung überrascht worden“, sagt Preisinger, „die sind jetzt a bissl hektisch.“

Anfängerfehler. Wer in den Schnee fällt, dem wird schnell geholfen.
Anfängerfehler. Wer in den Schnee fällt, dem wird schnell geholfen.Foto: Voigt

 Ganz anders also als der Skilift in Nanshan. Im oberen Sessellift hat man genügend Zeit, sich über die Helfer in gelben Rot-Kreuz-Jacken zu wundern, die auf einem sanften Abhang stehen und gestürzte Skifahrer wieder aufheben. Auch hat man Zeit, darüber nachzudenken, warum der Lift 15 Minuten für eine Strecke braucht, die man anschließend auf Ski in 30 Sekunden bewältigt. Den Freund aus München überkommt deshalb, und auch wegen der verbesserungsfähigen Leihski – ohne Kanten, ohne Wachs – und dem überschaubaren Streckenangebot, der Expat-Blues. Das ist jener Zustand, in dem nicht ganz freiwillig nach Peking gezogene Arbeitnehmer aus westlichen Ländern zum Ausdruck bringen, was ihrer Meinung nach in China suboptimal läuft. „Das ist doch Scheiße“, sagt der Freund, der wohl mit den Alpen gerechnet hatte und nicht mit Skifahren mit chinesischen Charakteristika, „lass’ uns in die Hütte gehen.“ Die anschließende Pizza kann ihn nur leicht versöhnen.

Es gibt unter den chinesischen Skigebieten verbesserungswürdige wie Nanshan, aber es gibt auch andere. „20 Prozent sind schon auf dem neuesten Stand und es verschiebt sich immer mehr in Richtung modern“, sagt Preisinger. Vor allem, wenn Peking im Juli den Zuschlag für die Winterspiele erhalten sollte. „Das wird dem Skifahren in China einen gewaltigen Schub geben“, sagt der österreichische Ski-Experte.

Das riesige Wintersportpotenzial in China gilt als Argument für Peking

Das riesige Wintersportpotenzial in China gilt als ein schwerwiegendes Argument für Beijing 2022. Schon jetzt fahren rund fünf Millionen Chinesen Ski, doch es könnten nach Schätzungen in den nächsten zehn Jahren bis zu 100 Millionen Menschen werden. Wie Tennis und Golf entwickelt sich das Skifahren zum Sport für die stetig wachsende chinesische Mittel- und Oberschicht. Das spiegelt sich auch wider in den Luxushotels, die rund um die Skigebiete entstehen. Und in den 75 Euro für einen Tagesskipass in Wanlong. „Das ist einer der höchsten Preise weltweit“, sagt Preisinger, „warum, weiß ich auch nicht, ich habe schon 100 Mal gefragt.“ Unter den Anfängern auf Chinas Pisten sind auch zahlreiche Dollarmillionäre. „Die sind später ein absolute Zielgruppe für die Wintersportorte in Europa“, sagt Preisinger.

Für Beijing 2022 spricht auch die geplante Nutzung des Olympiastadions, der Wukesong-Arena oder des Schwimmstadions für die Eissportveranstaltungen. Auch sollen 94 Prozent der Bevölkerung das Vorhaben unterstützen, berichtet die Nachrichtenagentur Xinhua. Einen Volksentscheid wie in München sollte man allerdings von einem autoritär regierten Einparteiensystem nicht erwarten. Auch müssten für eine noch nicht näher bezifferte Summe eine Strecke für den alpinen Abfahrtslauf sowie Sportanlagen wie Sprungschanzen und eine Bob- und Rodelstrecke aus dem Boden gestampft werden. „Wenn die Regierung sagt, das passiert, dann passiert es“, sagt Wolfgang Preisinger, „da gibt es auch kein Umweltverträglichkeitsgutachten wie bei uns.“ Das wiederum hätte es bei Beijing 2022 auch nicht einfach.

„90 Prozent des Schnees ist Kunstschnee, auch in Zhangjiakou“, sagt der Mann aus dem Salzburger Land. Die Schneeproduktion ist angesichts der dramatischen Wasserknappheit Pekings alles andere als umweltfreundlich. Den berüchtigten Pekinger Smog hingegen könnte die Regierung zumindest für die Zeit der Spiele mit Fabrikschließungen und Fahrverboten in den Griff bekommen, das hat sie jüngst beim Gipfel der Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftsgemeinschaft, kurz Apec, bewiesen. Seitdem wird der seltene Zustand eines smogfreien Himmels von den Pekingern auch „Apec-Blau“ genannt.

Uns aber umfängt auf dem Heimweg nach Peking das ortsübliche Grau. Wir haben vor der späten Abfahrt des Busses einen privaten Fahrer gebucht, was sich aber bald als Fehler herausstellt. Weil der Mann aus unerfindlichen Gründen nicht die Autobahn benutzen will, dauert die Rückfahrt mehr als zwei Stunden. Zeit um festzustellen, dass das Skifahren in Peking wie in den Alpen ist – nur anders.

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